von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Mit wem schloss G"tt den Bund?
Wer stand denn nun am Berg Sinai? Eigentlich klar: die Israeliten, welche kurz zuvor aus Ägypten gezogen sind, auch die Generation der Wüstenwanderung genannt, oder auch "Generation der Erkenntnis" ("Dor Dea"), da sie G"tt in immanenter Offenbarung am Berg Sinai erleben durften.
Umso erstaunlicher finden wir im kommenden Wochenabschnitt als einleitende Sätze zu den Zehn Geboten folgende Worte: (5. Buch Moses 5, 2-3) "Der Ewige, unser G"tt, hat mit uns einen Bund am Chorew (Berg Sinai) geschlossen. Nicht mit unseren Vätern hat der Ewige diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, diesen hier, die wir heute alle leben." Mosche spricht hier nicht zur damaligen Generation, welche aus Ägypten ausgezogen sind. Diese ist während der 40-jährigen Wüstenwanderung gestorben. Angesprochen ist hier die neue Generation, am Ende der Wanderung, welche kurz davor stehen, ins Land Israel einzuziehen. Wie kann Mosche ihnen da sagen, dass der Bund nicht mit ihren Vätern, sondern mit ihnen geschlossen wurde, ist doch genau das Gegenteil der Fall?
Verschiedene Kommentatoren befassen sich mit dieser Schwierigkeit. Raschi löst auf, dass gemeint ist: "Nicht nur (mit euren Vätern), sondern auch (mit euch)", um zu betonen, dass der Bund auch für die kommenden Generationen Gültigkeit besitzt und mit ihnen geschlossen wurde, obschon sie physisch nicht anwesend waren. Der Ibn Esra verweist darauf, dass am Berg Sinai auch unter 20-Jährige anwesend waren, welche nicht in der Wüste starben, da dies nur die über 20-Jährigen betraf.
Beide Erklärungen scheinen jedoch noch nicht den vollständigen Sinn zu erfassen und werfen Fragen auf, denn warum lässt die Tora das wichtige Wort "nur" ("nicht" statt "nicht nur") weg und lässt die Aussage so falsch aussehen, oder wieso sollte nur ein Teil der Anwesenden angesprochen werden, unter Ausklammerung der Väter, welche sehr wohl am Berg Sinai standen?
Abarbanel schlägt deshalb einen anderen Weg ein: Tatsächlich wurde der Bund nur mit der neuen Generation geschlossen! Wie das?
Die Generation des Auszuges aus Ägypten war eine Generation des Sehens. Sie sahen mit bloßen Augen große Wunder, sowohl beim Auszug aus Ägypten, als auch am Schilfmeer, und konnten quasi schon auf G"tt zeigen: "Das ist mein G"tt, und ich will Ihn verherrlichen" (2. Buch Moses 15, 2). Beim Dekalog geschah etwas noch Außernatürlicheres: Sie konnten sogar die Stimmen sehen! (Dort 20, 15) "Und das ganze Volk sah die Stimmen..." Die Wunder und die übernatürlichen Erscheinungen der g"ttlichen Offenbarung waren klar wie ein Anblick mit bloßem Auge.
Die neue Generation hat das alles nicht gesehen und nicht direkt mit erlebt. Doch sie hat etwas Neues für sich entdeckt. Kaum ist der Dekalog in unserem Wochenabschnitt verklungen, ertönt eine Botschaft, welche nicht weniger prominent und fundamental für das Judentum geworden ist: "Schma Jisrael" - "Höre Israel! Der Ewige, unser G"tt, der Ewige ist einzig" (5. Buch Moses 6, 4). Es ist eine Generation des Hörens. Deshalb beginnt die Einleitung zur Erinnerung an die Zehn Gebote ebenfalls mit den Worten "Höre Israel die Satzungen und die Vorschriften, welche ich heute vor euren Ohren rede, dass ihr sie lernet und beobachtet, sie zu tun!" (dort 4, 1)
Diese Generation hat zwar die Wunder nicht gesehen und die Offenbarung G"ttes am Berg Sinai nicht erlebt, doch ist das nicht unbedingt ein Nachteil. Bilder verschwinden, Erlebnisse können vergessen gehen. Was hängen bleibt und überdauert ist nicht, was man gesehen hat, sondern was man davon aufgenommen hat. Hören bedeutet verinnerlichen, denn durch die Ohren können die Worte tief ins Innere des Menschen eindringen, Teil von ihm werden und einen festen Platz im Herzen einnehmen. Das Hören, nicht das Sehen, prägt diese neue Generation (dort 4: 10;12;15;33; 5: 1;4;19;20-25; 6: 3;4;), und gibt ihm die besondere Kraft zu überdauern, den Bund in die Zukunft zu tragen und mit der Hingabe des "Schma Jisrael" auf den Lippen dafür einzustehen.
