Gedanken zum Wochenabschnitt - Ki Tawo 5786

Ikg by daniel shaked 2021 0501 kopie

IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Ersatz für das Volk Israel?

Kann das jüdische Volk ersetzt werden? Diese Frage ist einer der substanziellsten in der Beziehung zu verschiedenen anderen Religionen. Viele Religionen erheben den alleinigen Wahrheitsanspruch und verfolgen entsprechend ein prinzipielles Weltbild, dass wer der Wahrheit folgen möchte, auch ihrer Religion folgen sollte. Das Christentum anerkennt die Heiligen Schriften und Propheten des Judentums, integrierte sie in das eigene Selbstverständnis der Religion und erhob dennoch den Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein. Wie konnte sich aber beides zusammen verbinden lassen? 

Um dies zu bewerkstelligen, hielt die Kirche an der Substitutionslehre fest. Es verstand sich als Folgereligion der Israeliten, welche diese ablöste und ersetzte, und somit die Stelle der (neuen und wahren) Israeliten einnahm. Dies wird auch als Ersatztheologie bezeichnet. Ebenfalls Resultat von diesem Verständnis war, dass die Juden diesem Verständnis ebenfalls folgen und sich von ihrem eigenen und vom Christentum unabhängigen Verständnis der Religion sich lösen. Da die Juden dazu meistens nicht bereit waren, führte das vor allem im Hoch- und Spät-Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein zu schweren Judenverfolgungen und einer der theologischen Begründungen für Antijudaismus.

Mit der Erklärung "Nostra Aetate" im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) kehrte die römisch-katholische Kirche offiziell von dieser Linie ab und gestand dem Judentum einen eigenen Heilsweg zu. 

In unserem Wochenabschnitt finden wir ebenfalls passend zu diesem Thema folgende Sätze: (5. Buch Moses 26, 17-19) "Den Ewigen hast du heute anerkannt, dass Er dir G"tt sei, und dass du auf Seinen Wegen wandelst, Seine Satzungen, Seine Gebote und Seine Vorschriften beobachtest und auf Seine Stimme hörst. Und der Ewige hat dich heute anerkannt, dass du ein nur Ihm angehörendes Volk seist, wie Er zu dir gesprochen hat, und all Seine Gebote beobachtest... und ein heiliges Volk dem Ewigen, deinem G"tt, zu sein."

Diese Sätze schildern wie kaum eine andere Stelle in den Schriften die spezielle und exklusive Beziehung zwischen G"tt und dem Volk Israel. Mehrere Dinge sind besonders bemerkenswert: "Seine Gebote zu beobachten" kommt sowohl in den Ansprüchen an das Volk Israel vor und gehört verständlicherweise zur Anerkennung G"ttes dazu, aber auch zur Anerkennung des Volkes Israels durch G"tt, was bedeutet, dass die Gebote und deren Einhaltung als Privileg Israels und besondere Auszeichnung G"ttes zu verstehen sind! 

Der bab. Talmud stellt an mehreren Stellen fest, dass mit der Gegenseitigkeit in der Beziehung zwischen G"tt und dem jüdischen Volk insbesondere die Einzigartigkeit hervorgestrichen wird (Brachot 6a, Chagiga 3a): "Ihr (Israeliten) habt Mich (G"tt) zu einer Einheit in der Welt gemacht, mit dem Ausspruch: Höre Israel, der Ewige, unser G"tt, der Ewige ist einzig - so mache Ich euch zu einer Einheit in dieser Welt, wie es heißt: Und wer ist wie Dein Volk Israel, eine Nation auf Erden (Schmuel II. 7, 23)" Hieraus folgert Rav Kook (Orot Hatechija 20), auf den Spuren Maharals (Nezach Israel, Kap. 11) dass das jüdische Volk sich nicht entzweien und zerteilen lassen darf, denn es zeugt von der Einheit und Einzigkeit G"ttes. 

Und als hier letzte Bemerkung sei der Talmud in Gittin (57b) angeführt, dass die obigen Sätze auch den gegenseitigen Schwur beinhalten, dass "wir G"tt niemals mit fremden Göttern austauschen würden, und so auch Er uns nicht mit einer anderen Nation austauschen würde." Der Or haChaim Hakadosch führt hierzu aus, dass dieser Schwur, wie es in der unbedingten Natur des Schwures liegt, selbst dann aufrecht bleibt, wenn das jüdische Volk G"tt erzürnt, und ein anderes Volk sich mit guten Taten auszeichnet und G"tt zu nähern versucht. Denn dies liegt in der Natur der "Segula", des "G"tt angehörendes Volk zu sein". So verwundert es auch nicht, dass der zweite Teil des Wochenabschnittes, welcher schlimme Visionen als Folge von Fehlverhalten der Israeliten ankündigt, dennoch mit der klaren Botschaft endet, dass diese niemals endgültig verstoßen sein würden, sondern letztendlich zu G"tt und ins Land Israel zurückkehren (5. Buch 30, 1-10)