Gedanken zum Wochenabschnitt - Nizzawim-Wajelech-Slichot 5786

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IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Der vorenthaltene Edelstein

"Einen derart schönen Edelstein hält ihr in Händen, und ihr wolltet ihn mir verlustig gehen lassen?" Diesen Vorwurf mussten sich Rabbi Jochanan ben Beroka und Rabbi Elasar Chisma von Rabbi Jehoschua gefallen lassen. Von ihm befragt, welche Neuigkeit im Lehrhaus gelehrt wurde, entgegneten sie nämlich zunächst in größter Bescheidenheit, dass sie doch lediglich Rabbi Jehoschuas Schüler seien, und wie könnten sie ihm, dem großen Meister, eine Neuigkeit überbringen? Doch Rabbi Jehoschua blieb hartnäckig: "Es gibt kein Lehrhaus ohne Neuigkeit!" Worauf sie erzählten, wie Rabbi Elasar ben Asarja über das Standing von "Hakhel" aus unserem Wochenabschnitt (5. Buch Moses 31, 10-13) predigte.

Einmal in sieben Jahren soll sich das gesamte Volk im Vorhof des Tempels versammeln - Männer, Frauen, Kinder - um zu lauschen, wie der König aus der Tora vorliest. Wozu braucht es die Kinder an diesem Ereignis, verstehen sie doch eh nicht, was ihnen vorgelesen wird? fragte Rabbi Elasar ben Asarja, und antwortete: "...um denjenigen, welche sie bringen, Lohn zu verschaffen." Rabbi Jehoschua war derart entzückt über diese Neuigkeit, dass er sich zum obigen Ausruf bewegen ließ und den Beinahe-Verlust dieses Edelsteins beklagte, so beschließt der Talmud (Chagiga 3a) die Episode.

Und wir fragen uns: Ist die Frage Rabbi Elasars tatsächlich beantwortet? Wenn die Kinder einen direkten Nutzen von der Teilnahme am Ereignis haben, warum wird dieser nicht genannt, und wenn nicht, welchen zusätzlichen Lohn brauchen diejenigen, welche die Kinder bringen?

Nachmanides führt an, dass es sich nicht um Kleinkinder handelt, sondern jene, welche schon fast erwachsen sind, mitten in der fortgeschrittenen Erziehungsphase. Diese verstehen durchaus, was ihnen vorgetragen wird, da sie schon ältere Kinder sind.

Diese Erklärung ist für den Malbim aber noch nicht genügend, da ja wiederum die Kinder selbst einen Nutzen haben, und nicht nur deren "Bringer". Deshalb geht er davon aus, dass hier mit "Taff" wie sonst auch Kleinkinder gemeint sind. Diese verstehen inhaltlich tatsächlich noch nicht viel von dem Vorgetragenen. Andererseits haben sie eine "weiche Seele", noch unberührt und unbelastet, in welcher die Resonanz eines eindrucksvollen Ereignisses wie "Hakhel" noch viele Tage und Jahre nachhallt. Zu erleben, wie das ganze Volk versammelt ist, wie die Hierarchien bis zum Hohepriester hinauf die Tora weiterreichen, und dieser dem König, wie sich folglich sowohl die Krone des Priestertums als auch des Königtums vor der Krone der Tora verbeugen und deren Anweisungen über ihre eigene Autorität setzen, hinterlässt ein derartiges Echo in der Seele des Kindes, dass es dieses auch nach Jahrzehnten noch fühlen und erleben können wird. 

Darin liegt nicht nur der Lohn für das Kind, sondern vor allem für seine Eltern, welche es mitnahmen: zu verstehen, dass die Weitergabe der Religion und derer Werte an die nächste Generation einen bedeutenden Stellenwert einnimmt und anhand Erlebnisse dieser Größenordnung in die zarten Herzen der jungen Nachkommenschaft gepflanzt werden kann - das ist ein Verdienst und zugleich ein Lohn vor allem für diejenigen, welche die Kinder bringen und um ihre Zukunft besorgt sind.