von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Die eigene Schwäche, oder die des anderen?
"Sie verabscheuten das liebliche Land" - so beschreibt der Psalm (106, 24) im Rückblick den Fehltritt der Kundschafter. Doch taten sie das wirklich?
Ihre Worte lassen einen solchen Schluss gar nicht zu, ganz im Gegenteil: (4. Buch Moses 13, 27-28) "Wir kamen in das Land, on welches du uns geschickt hattest, und es ist auch ein Land von Milch und Honig, und dies ist seine Frucht (die Früchte, welche sie mitführten). Nur stark ist das Volk, das in dem Land wohnt, und die Städte sind sehr große Festungen." Worte des Lobes finden sie für das Land, wo ist hier eine Abscheu zu sehen?
Vermutlich bezieht sich das auf eine weitere Wortmeldung: (dort 32) "Und sie sprachen übel über das Land: Es ist ein Land, das seine Bewohner verzehrt..." Doch wie passen diese zweiten Worte zu den ersten, welche noch voll des Lobes über das Land waren?
Nachmanides stellt sich dieser Frage und erklärt: Zunächst gab es keine Diskussion darüber, dass das Land gut und gelobt sei. Der Meinungsunterschied zwischen den 10 Kundschaftern und Jehoschua und Kalew lag lediglich in der Frage, ob man gegen die Bevölkerung ankommt. Als die 10 Kundschafter jedoch sahen, dass das Volk von ihrem Standpunkt noch nicht überzeugt war, begannen sie, über das Land schlecht zu reden und es zu verleumden, während die anderen beiden Kundschafter mit voller Überzeugung beteuerten: "Das Land ist sehr sehr gut!" (dort 14, 7)
Das Drama, welches sich hier abspielt, legt zwei tiefenpsychologische Eigenschaften auf.
Auf der einen Seite stehen die 10 Kundschafter, welche zunächst mit eigener Schwäche gegenüber der schwierigen Herausforderung argumentieren. Doch wie lange kann man sich eingestehen, zu schwach und unfähig zu sein? Also mussten sie den Kurs wechseln und ein zusätzliches Argument in die Schale werfen: das Land ist gar nicht so gut, es ist nicht wert, diese Herausforderung anzunehmen. Damit projizierten sie das innere Problem, ihre eigene Schwäche, auf einen äußeren Faktor, das Land, worin das "Verabscheuen des lieblichen Landes" lag.
Andererseits beteuerten Jehoschua und Kalew, dass das Land sehr sehr gut ist - ein Superlativ, welcher sonst nirgendwo in der Tora, selbst in der Schöpfung, nicht zur Anwendung kam. Damit brachten sie zum Ausdruck: selbst wenn die Herausforderung groß ist, lohnt es sich unbedingt, diese anzunehmen. Denn für Wertvolles, wie bspw. für geliebte Menschen - Frau und Kinder - ist man bereit, sich zum Äußersten einzusetzen. Ebenso für das geliebte, gelobte und versprochene Land. Denn für Wertvolles lohnt es zu kämpfen. Und dann wird sich feststellen lassen, dass die Kraft auch innewohnt, die Herausforderung zu meistern, weit über die gewöhnlichen Fähigkeiten hinaus, und über sich hinaus zu wachsen: "Also lasst uns hinaufziehen... denn wir können und können es!" (dort 13, 30)
