Gedanken zum Wochenabschnitt - Rosch HaSchana 5786

Ikg by daniel shaked 2021 0501 kopie

IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Zum Geburtstag nur das Beste - und viel Verantwortung

Masal tow! Der Mensch feiert Geburtstag! Im Monat Tischri wurde gemäß der Meinung Rabbi Eliesers (bab. Talmud Rosch Haschana 12a) die Welt, und damit genauer genommen am 1. Tischri, also an Rosch Haschana, der erste Mensch erschaffen - Zeit für Geburtstagswünsche und eine Liste zu erstellen! Dass dies nicht so abwegig ist zeigt ein Vers der Psalmen auf: (2, 7-8) „Verkünden will ich vom Beschluss, der Ewige sprach zu mir: Mein Sohn bist du, Ich habe dich heute zur Welt gebracht – bitte Mich und Ich werde geben...“

So ist es auch nicht verwunderlich, dass wir uns wünschen, im Buche des Lebens, des Segens, des Friedens und des guten Einkommens eingeschrieben zu werden (aus den Zuschaltungen des Amida-Gebetes an den Zehn Bußtagen).

Doch verweist die Mischna mit bekannten Worten darauf, dass mit der Geburtsstunde des einen Menschen noch viel mehr zu verbinden ist: (Sanhedrin 4,5) „Deshalb wurde der Mensch einzig erschaffen, um dich zu lehren, dass wenn jemand eine Seele vernichtet, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er eine ganze Welt vernichtet, und wenn jemand eine Seele erhält, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er eine ganze Welt erhalten. Ferner auch wegen der Friedfertigkeit unter den Menschen, damit nämlich niemand zu seinem Nächsten sagen: Mein Ahn war größer als deiner... Und endlich auch, um die Größe des Heiligen, gepriesen sei Er, zu verkünden; wenn ein Mensch mehrere Münzen mit einem Stempel prägt, so gleichen sie alle einander. Der König der Könige aber, der Heilige, gepriesen sei Er, prägt jeden Menschen mit dem Stempel des Urmenschen, und doch gleicht nicht einer dem anderen. Daher muss auch jeder Einzelne sagen: Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden.“

So viel mehr wird dem Menschen mit seiner Erschaffung auf den Weg gegeben, als nur ein Geburtstag, um es sich gut gehen zu lassen. Die Mischna lehrt uns, dass jeder Mensch nicht nur wie die gesamte Menschheit anzusehen ist, da ja aus einem Menschen die gesamte Menschheit entstand, sondern auch die ganze Welt! Auch Rambam, basierend auf dem Talmud (Kidduschin 40a) betont diesen Aspekt besonders: (Hilchot Teschuwa 3, 4) Deshalb betrachte sich der Mensch stets so, als ob er und die ganze Welt zur Hälfte verdienstvoll und zur Hälfte schuldig dasteht. Mit einer einzigen Tat kann er sich und die ganze Welt zum Guten, oder G“tt behüte zum Gegenteil entscheiden.

Damit wird die große Verantwortung deutlich, die dem Menschen mit seiner Erschaffung übertragen wurde. So formuliert auch der Midrasch Kohelet Rabba: (7, 13) „Siehe meine Werke, wie schön und löblich Ich sie erschaffen habe, und alles habe Ich für dich erschaffen. Achte darauf, Meine Welt nicht zu verderben und nicht zu zerstören.“

Und gleichzeitig schafft es die Mischna, den Menschen nicht zugleich zu einem überheblichen Wesen werden zu lassen, sondern zu verstehen, dass er nicht besser und nicht mehr wert als der Mitmensch ist. Keiner hat Vorrechte, weil seine Abstammung höher steht als die des anderen, denn alle haben wir ein und denselben Ursprung. Was zählt ist der Mensch selbst, welche Entscheidungen er trifft, was er aus seinem Leben und seinen Möglichkeiten macht.

Und noch etwas Fundamentales verdeutlicht die Mischna: Jeder Mensch hat eine andere Aufgabe, andere Voraussetzungen, andere Fähigkeiten – keiner ist überflüssig, leicht zu ersetzen, alle werden gebraucht, jeder an seiner Stelle. Rabbi Suscha von Anipoli wird folgender Ausspruch zugeschrieben: „Ich fürchte mich nicht vor der Frage im Himmel nach meinem Tod, warum ich nicht unser großer Meister Mosche war, sondern vor der Frage, warum ich nicht Suscha war...“

Darin ist die Größe und Herrlichkeit G“ttes zu erkennen, dass Er jedem Individuum seinen speziellen Platz zugedacht und zugewiesen hat, und sich aus ihrer Gesamtheit die volle Pracht des menschlichen Wirkens und der Erschaffung der Welt ersehen lässt.