von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Wofür braucht G"tt Sühne?
Schon aus dem Kindergarten ist vielen jüdischen Kindern die Geschichte bekannt, wie der Mond bei der Erschaffung der Welt verkleinert wurde. Diese basiert auf einem Midrasch, welchem wir diese Woche im Daf Hayomi (tägliches Studium von einem Blatt Talmud) begegnet sind: (bab. Talmud Chulin 60b) "Und G"tt machte die zwei großen Leuchtkörper, den großen Leuchtkörper und den kleinen Leuchtkörper (1. Buch Moses 1,16). Sprach der Mond zum Herrn der Welt: Können denn zwei Könige mit einer Krone regieren? Da antwortete Er ihm: Geh, verkleinere dich selbst... So sagte der Heilige, gelobt sei Sein Name (zum jüdischen Volk): Bringt Sühne für Mich, da Ich den Mond verkleinert habe. So sagte Resch Lakisch: Worin unterscheidet sich der Ziegenbock als Sühneopfer am Neumond (von denjenigen anderer Feiertage), dass es bei ihm heißt "für den Ewigen" (4. Buch Moses 28,15)? So sprach der Heilige, gelobt sei Sein Name: Dieser Ziegenbock sei Sühne für Mich, dass Ich den Mond verringert habe."
Was hat es mit dieser Sühne auf sich, auf welche sich Resch Lakisch aus unserem Wochenabschnitt heraus beruft? Braucht G"tt etwa Sühne? Und warum wird diese Sühne im Mussafgebet von Rosch Chodesch als "Zeit der Versöhnung für alle Generationen/Nachkommenschaft" bezeichnet? Laut verschiedenen Stellen im Talmud (Chagiga 12a, Taanit 27b) soll sich diese Sühne vorteilhaft für die Kleinkinder, also die "Nachkommenschaft", auswirken und sie schützen. Worin besteht der Zusammenhang zwischen ihnen und der Sühne am Neumondstag? Würden wir doch eigentlich annehmen, dass die Kleinkinder unschuldiger sind als die Erwachsenen, und wenn für diese ein Versöhnungstag im Jahr - Jom Kippur - reicht, dann nicht umso mehr auch für die Kinder? Warum also monatliche Sühne?
Eine besondere Erklärung für diese Fragen und die Symbolik dahinter führt Rav Nachum L. Rabinovitch an: Zwei große Himmelskörper hat der Schöpfer erschaffen. Die Sonne hat ihren Zyklus einmal jährlich und sorgt für die Jahreszeiten. Jedoch sind an diesem Zyklus kein Anfang und kein Ende zu erkennen, er verläuft also augenscheinlich sehr gemächlich und konstant. Dem gegenüber ist der Zyklus des Mondes wesentlich kürzer, monatlich, und hat einen klaren Beginn und ein klares Ende, mit der Monderneuerung zum Neumond hin.
Ähnlich verhält es sich mit der Natur, welche G"tt dem Menschen gegeben hat: die Erwachsenen befinden sich - ähnlich wie die Sonne - meistens in einer recht konstanten Lebensroutine und Verhaltensweise. Sind diese schon guter Angewohnheit, hat das viele Vorteile, schwieriger ist es jedoch, diese zu ändern, da jede Änderung gegen Stabilität und Konstanze im Leben geht. Es gibt hierfür keinen klaren Anfang und keinen erkennbaren Neubeginn in der Natur.
Anders verhält es sich bei den Kindern und jungen Generationen: ihr Leben ist dynamisch und dauernden Veränderungen ausgesetzt. Stabilität ist relativ, alles kann sich noch recht leicht wandeln und neu gestalten. Was letzten Monat noch akzeptabel und gut erschien, kann diesen Monat verworfen und völlig neu gedacht werden. Heute Feuer und Flamme für eine bestimmte Idee und morgen bereits wieder andere Ziele im Kopf. Mitunter kann dies von verschiedenen Launen abhängig sein.
Vorteilhaft wirkt sich das aus, dass schlechte Wege auch schnell wieder verlassen werden können. Andererseits braucht es Kontinuität und Verlässlichkeit im Leben, ein Festhalten an mittel- und langfristigen Zielen, welche nicht aus den Augen verloren gehen - anders als der Mond, welcher sich stets wieder erneuert. Deshalb braucht der Mond Sühne, deshalb "braucht" der Schöpfer, Welcher der Natur des Menschen verschiedene Seiten gegeben hat, Sühne, um dem Menschen ins Bewusstsein zu rücken, dass Änderungen manchmal gut und notwendig sind, aber Beständigkeit und Langfristigkeit im Verfolgen von großen Zielen unabdingbar sind und nicht an ihrer Kontinuität leiden, an Konstanz einbüßen dürfen.
