von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Die zwei Seiten der Wahrhaftigkeit G"ttes
Jeden Tag mehrfach beschreiben wir G"ttes Größe im Amida-Gebet, bevor wir unsere Fürbitten an Ihn herantragen. Dies ist bemerkenswert, da wir G"ttes Wesen weder verstehen noch erfassen können, sondern nur unter Ausschlussverfahren durch doppelte Negation (Torat Haschlila - G"tt ist groß meint: Er ist nicht klein; Er lebt bedeutet: Er ist nicht tot, etc. - Rambam, Kusari). Um dies dennoch zu bewerkstelligen, bedient sich die Gebetssprache der Vorlage durch Mosche in der Tora: (5. Buch Moses 10, 17) "Der Mächtige, der Große, der Starke und der Furchtbare".
Der Talmud (Joma 69b) führt aus, dass es mit der Übernahme dieser Formulierung eine besondere Bewandtnis auf sich hat: Die Propheten, welche Zeugen der Zerstörung und des Unterganges des Ersten Tempels waren, waren nicht imstande, diese Definition G"ttes zu übernehmen. Jirmijahu sagte: Fremde tanzen am Ort des Heiligtums, wo ist Seine Furchtbarkeit? Und er ließ "der Furchtbare" in der Beschreibung G"ttes weg (Jirmijahu 32, 18). Daniel sagte: Fremde unterdrücken Seine Kinder, wo ist seine Stärke? So unterließ er, G"tt als "der Starke" zu bezeichnen (Daniel 9, 4). Es kamen die Männer der Großen Synode und sprachen: Im Gegenteil - das ist die Stärke Seiner Stärken, dass Er Seinen Zorn unterdrückt und die Bösewichten Langmütigkeit gibt. Dies ist Seine Furchtbarkeit, denn ohne diese, wie könnte ein Volk allein unter den anderen Völkern existieren? (s. Nechemja 9, 31-32)
So waren es dieselben Männer der Großen Synode, welche unsere Gebete verfassten, unter anderem das Amida-Gebet, und zu seinem Beginn die ursprüngliche Formulierung der Tora wieder etablierten: "Der Große, der Mächtige, der Furchtbare", und dies ausgerechnet und im Angesichts der schlimmen Katastrophe der Zerstörung des Tempels und der Unterdrückung des jüdischen Volkes. Damit begründet der Talmud, warum sie Männer der Großen Synode genannt werden, denn sie haben die Krone (symbolisch für die Offenbarung der Herrschaft G"ttes) wieder an ihren Platz zurück befördert.
Doch gibt sich der Talmud damit noch nicht zufrieden und fragt, wie die anderen Propheten diese Beschreibungen G"ttes weglassen konnten, obwohl Mosche diese vorgegeben hat? Die Antwort ist erstaunlich: Sagte Rabbi Elasar - Weil sie wussten, dass G"tt wahrhaft ist, wollten sie Ihn nicht belügen.
Die Wahrhaftigkeit hat zwei Seiten: eine objektive und eine subjektive, eine der äußeren Realität und eine der inneren Wahrnehmung. Der Siegel G"ttes ist Wahrhaftigkeit, und Seine Beschreibung der Tora als "groß, mächtig und furchtbar" entspricht der objektiven Realität zu jeder Zeit. Es gibt jedoch Zeiten und Umstände, zu welchen sich dies nicht sichtbar zeigt und selbst von großen Persönlichkeiten wie Jirmijahu und Daniel nicht wahrgenommen werden können. In ihren Herzen waren sie nicht mehr imstande, aufgrund ihrer persönlichen Eindrücke und Erfahrungen, G"ttes Größe derart zu beschreiben. Auch wenn ihr Intellekt weiterhin diese Wahrhaftigkeit nachvollzog und verstand, in ihrem Herzen aber trugen sie den Schmerz über das verdeckte Angesicht dieser g"ttlichen Eigenschaften, und sie konnten diese nicht mehr mit vollem Munde verkünden.
Dies ist es, womit Rabbi Jisrael Salanter, der Begründer der Mussar-Bewegung, die Wahrhaftigkeit definierte: "Keine Sache aus dem Munde zu lassen, dessen Wahrhaftigkeit das Herz nicht bezeugen kann."
