Gedanken zum Wochenabschnitt - Mattot-Mass`e 5786

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IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Das wahre Problem der Dienstverweigerung

Ungewöhnlich scharfe Worte fand Mosche für das Anliegen der Stämme Reuwen und Gad. Eigentlich kamen diese höchst respektvoll und formulierten eine nachvollziehbare Bitte, welche sogar Vorteil für alle Beteiligten zu bieten hatte: (4. Buch Moses 32, 4-5) „Das Land, das der Ewige vor der Gemeinschaft Jisrael geschlagen hat, ist ein Weideland, und deine Diener (wir) haben Herden. Und sie sprachen: Wenn wir in deinen Augen Gunst gefunden haben, möge dieses Land deinen Dienern zum Besitz gegeben werden, führe uns nicht über den Jarden.“

Und doch ließ sich Mosche in ungewöhnlichem Umfang und noch größerer Härte über sie aus (dort 6-15): Wie könne es sein, dass ihre Brüder in den Kampf zögen, und sie sich hier ausruhten? Er bezichtigte sie der Abtrünnigkeit und des Aufrührertums, dass sie alle Israeliten dazu bringen würden, sich abzuwenden! Doch das war erst der Anfang, denn nun begann er, sie mit den Kundschaftern und ihren Anhängern zu vergleichen, welche ihre gesamte Generation in den Tod in der Wüste führten, und befand, dass die Bittsteller ebenso das ganze Volk direkt in den Abgrund führen würden!

Erst die Deklaration der beiden Stämme, vor ihren Brüdern in den Krieg zu ziehen, konnte Beschwichtigung herbeiführen und den Weg zu einem Abkommen zwischen Mosche und den Stämmen ebnen.

Was hat den Zorn Mosches derart geweckt? Insbesondere gemäß den Kommentatoren, dass die beiden Stämme von vornherein vorhatten, mit in den Krieg zu ziehen, und es nur nicht direkt erwähnt haben (Ramban, Abarbanel), aber auch laut der Kommentatoren, dass sie zunächst tatsächlich dies nicht beabsichtigten, und erst nach Mosches Worten einlenkten und ihre Teilnahme am Krieg zusagten – war das ein Grund, so harsch mit ihnen umzugehen, und sie gleich mit den Kundschaftern zu vergleichen?

Ja, war es. Das Problem lag nicht nur praktisch in der Möglichkeit, dass die Armee der Israeliten extrem geschwächt würde, wenn diese beiden starken Stämme nicht mitkämpfen würden. Ausgerechnet nach den glänzenden und wunderbehafteten Siegen über die Midjaniter, welchen ohne einen einzigen Verlust eine große und gerechte Niederlage beigebracht wurde, und über die übermächtigen Könige Sichon und Og, welche gegen sie in den Kampf zogen, war es nicht nachzuvollziehen, wie sie sich nun dieser Aufgabe entziehen wollten, wo doch G“tt den Israeliten derart offenen Beistand zeigte.

Das eigentliche Problem lag aber in Wirklichkeit viel tiefer: Wären die beiden Stämme nicht mit ihren Brüdern in den Krieg gezogen, hätten sie dem ganzen Volk eine tiefe und vielleicht unüberwindliche Spaltung herbeigeführt! Sie hätten gezeigt: wir haben unseren Besitz erhalten, für uns sind die Kämpfe vorbei, von nun an seid ihr auf euch selbst gestellt. Würde jeder Stamm so handeln, mit reinen sektoralen Interessen, bliebe die Gesamtheit des Volkes nichts mehr übrig, weder im Kampf, noch danach. Denn damit wäre das ganze Fundament der Solidargemeinschaft Israels, des Zusammenhalts, und vor allem auch der gemeinsamen Bestimmung völlig verloren gegangen.

Und ja, auch nach Rambans und Abarbanels Erklärung, dass sie gar nie vorhatten, sich vor dem Kampf zu drücken, waren ihre Worte dennoch überdeutlich, denn dass sie dies zu erwähnen „vergaßen“ war nicht ein bloßes Missgeschick, sondern zeigte, dass es ihnen nicht besonders wichtig war und nicht am Herzen lag. Viel wichtiger war ihnen das Weideland und der Besitz der bereits eroberten Länder, von welchen allein sie zunächst sprachen.

Diese Tendenzen sind brandgefährlich, für die Gegenwart und vor allem die gemeinsame Zukunft des jüdischen Volkes, und wurden deshalb von Mosche prompt und aufs Schärfste verurteilt.