Gedanken zum Wochenabschnitt - Haasinu, Schabbat Schuwa, Jom Kippur 5786

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IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Den Kampf gegen den schlechten Trieb gewinnen

Wie kommen wir nur dem schlechten Trieb bei? Diese Frage beschäftigt uns in vielen Zeiten und Situationen, insbesondere jedoch in den Zehn Tagen der Teschuwa - der Umkehr und Buße, welche zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur liegen - Tage des himmlischen Gerichtes über das kommende Jahr. 

Der Talmud gibt Anleitung und einige Mittel, wie dem schlechten Trieb beizukommen: (bab. Talmud Brachot 5a) "Der Mensch setze stets den guten gegen den schlechten Trieb ein... Wenn er ihn besiegt hat, ist es gut, und wenn nicht, beschäftige er sich mit der Tora... Wenn er ihn besiegt hat, ist es gut, und wenn nicht, lese er das Schma... Wenn er ihn besiegt hat, ist es gut, und wenn nicht, denke er an den Tag des Todes."  

Vier Stufen der Eskalation werden hier im Kampf gegen den schlechten Trieb angesetzt:

1. Gegen ihn den guten Trieb einzusetzen: Der schlechte Trieb verfügt über viele machtvolle Mittel - Illusion, Begierde und Lust, verführerische Sinne, niedere Interessen. Umso wichtiger ist es zu wissen, dass uns ein ebenbürtiges Mittel zur Seite steht, dass im Menschen die Gegenkraft vorhanden ist, die Kräfte des Guten, welcher er sich bedienen kann und sie aktivieren soll. Die Seele des Menschen ist rein, G"tt hat ihn geradlinig erschaffen. Von Natur aus wird er vom Reinen, Wahrhaften und Gerechten angezogen, von der Liebe zu G"tt und Seiner Nähe. Dieser Kräfte soll man sich bewusst sein, um sie zur Zeit der Versuchung einzusetzen. Auch wenn der schlechte Trieb übermächtig erscheint, gibt es einen ebensolchen guten Trieb gegen ihn, und die Entscheidung zwischen Gut und Schlecht bleibt dem Menschen weiter gegeben. 

2. Sollte das trotzdem nicht ausreichen, bringt die Beschäftigung mit der Tora weitere Energie gegen den schlechten Trieb ins Feld, denn die Tora wurde als Heilmittel für diesen noch vor ihm erschaffen. (bab. Talmud Kidduschin 30b) "Ich habe den schlechten Trieb erschaffen, doch habe Ich ihm zuvor die Tora als Gewürz erschaffen." Die reine Quelle der Tora und die Beschäftigung mit ihrer Weisheit leisten der Versuchung Vorschub, vereiteln deren Pläne und Ansinnen. Deshalb empfiehlt der Talmud: "Wenn dir dieses Scheusal (der schlechte Trieb) begegnet - nimm es mit ins Lehrhaus."

3. Sollte auch diese Wirkung ausbleiben, erinnert das Schma Gebet an die Allgegenwart G"ttes. Ist man sich Seiner Anwesenheit vollständig bewusst und stellt sich vor, wie das himmlische Auge jeden Schritt begleitet, jede Tat festhält, so wird auch das Verhalten davon nicht unbeeinflusst bleiben, so wie man sich in Gegenwart anderer Menschen (insbesondere sehr respektable Personen) anders verhält als in unbeobachteter Abgeschiedenheit.

4. Hat man ihn besiegt, ist es gut, und wenn nicht, rufe man sich den Tag des Todes in Erinnerung. Die Vergegenwärtigung unserer Vergänglichkeit rückt die Proportionen im Leben wieder zurecht, setzt das Wichtige und das Ewige vor das Vergängliche und auf Dauer Schädliche. Mit den Worten von Kohelet: (Prediger 7, 2) "Besser ist es, ein Trauerhaus zu besuchen, als eine Freudenfeier... denn der Lebende wird es sich zu Herzen nehmen."

Interessanterweise endet hier im Talmud der Kampf, ohne weitere Möglichkeit, dem schlechten Trieb nach wie vor zu unterliegen. Denn die wahrhafte Vorstellung an das Lebensende nimmt ihm seinen ganzen Einfluss weg. Wenn dem so ist, warum beginnt der Kampf nicht gleich mit diesem Mittel, ist es doch das wirksamste unter allen?

Die anderen Mittel bestärken die Kräfte des Lebens. Der gute Trieb bringt Energie mit sich und treibt zu guten Taten an, die Tora ist die Lehre des Lebens und fügt Lebenskraft hinzu, und G"ttes Gegenwart verspricht ebenfalls Leben, wie es heißt: "Denn mit Dir ist der Ursprung des Lebens" (Psalm 36, 10), "Und ihr, welche ihr G"tt anhängt, ihr alle seid heute lebendig" (5. Buch Moses 4, 4). Der Gedanke an den Tod hingegen kann die Kräfte im Menschen auf Dauer lähmen, im Verständnis, dass alles im Leben vorübergehend und vergänglich ist. Sie könnte ihm in ständiger Vergegenwärtigung die Freude am Leben und dessen Tatkraft nehmen. Dieses extreme Mittel wirkt wie ein starkes Medikament, welches nur in äußeren Umständen anzuwenden ist. Im Alltag jedoch mögen die lebensbejahenden Wege uns begleiten und stets zuflüstern: (dort 30, 19) "Wähle das Leben!"