von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Für wen leuchtet sie eigentlich?
Für wen hat sie eigentlich geleuchtet?
Täglich wurde die Menora, der Leuchter im Heiligtum, von Aharon oder einem anderen Priester entzündet, wie zu Beginn des Wochenabschnittes beschrieben. Interessant ist, dass diese eigentlich für niemanden geleuchtet hat. Entzündet wurde sie jeweils am Abend und brannte bis zum kommenden Morgen, jedoch befand sich zu dieser Zeit keine einzige Person im Heiligtum. Auch für G"tt leuchtete sie nicht, nicht einmal im übertragenen Sinne, da das Allerheiligste mit der Trennwand, dem Parochet, vom Leuchter getrennt war.
Der Ausdruck „אל מול פני המנורה יאירו שבעת הנרות“ – „dem Angesicht des Leuchters gegenüber sollen die sieben Lampen leuchten“ zeigt es eigentlich auf: das Licht der Menora war nach innen gerichtet, und nicht wie üblich nach außen, es leuchtete also nach innen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass das Licht nicht für G"tt leuchtet, sondern genau anders rum von G"tt seine Energie erhält, denn die Quelle des Lichtes ist bei Ihm: (Psalm 36, 10) „Denn mit Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Lichte ist das Licht zu sehen.“
Bei manchen Menschen kommt die große Energie von einer inneren g"ttbeseelten Quelle und leuchtet von da hinaus.
Die Haftara knüpft daran an: Der Prophet Secharja sieht eine goldene Menora und fragt einen Engel, was diese sei. Die Antwort des Engels ist episch und wurde zum inspirierenden Leitfaden: (Secharja 4, 6) „Das ist das Wort des Ewigen an Serubawel, also: Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch Meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen.“ Es sind nicht Macht und Stärke, sondern der unverbrüchliche Spirit, welche Bestand haben und überdauern und das Licht in die Zukunft entsenden, aus der Ferne noch leuchten!
Damit ist die Haftara auch schon beendet. Doch nicht der Dialog zwischen dem Engel und Secharja, welcher mit dieser Antwort trotz ihrer Strahlkraft noch nicht zufrieden ist und nachhakt: (dort 11) „Und ich hob an und sprach zu ihm: Was sind diese beiden Ölbäume zur Rechten des Leuchters und zur Linken?“ Secharja hat die Bedeutung der Menora sehr wohl verstanden, schließlich stand die Einweihung des zweiten Tempels kurz bevor, und es war klar, dass die Menora bald wieder entzündet würde und ihr Licht bald wieder verbreiten würde.
Doch die zwei Ölbäume zu beiden Seiten der Menora, deren Bedeutung der Vision ist dem Propheten nach wie vor nicht erschlossen, weshalb weitere Erklärung des Engels notwendig ist: (dort 14) „Das sind die beiden Söhne des hellen Öles, die bei dem Herrn der ganzen Erde stehen.“ Raschi erklärt zur Stelle, dass mit diesen das Fundament der Hohepriesterwürde, sowie das Fundament des Königtums gemeint sind. Denn Spiritualismus und Geist allein reichen noch nicht aus. Es braucht auch die exekutive Kraft, die Fähigkeit, Dinge umzusetzen. Hohepriester und König sollen gemeinsam den Leuchter speisen und die Energie für dessen Leuchtkraft bewerkstelligen, denn erst wenn der Geist G“ttes die Hände des Menschen zur Handlung bewegen, kann Großes entstehen und der Ort errichtet werden, in welchem sich das Himmlische offenbaren kann.
