Gedanken zu Schawuot 5786

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IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Perfektion auf Erden?

So einfach war das gar nicht, die Tora zu erhalten. Der Talmud (Schabbat 88b) berichtet, welche gefährliche Herausforderung und heftige Diskussion mit den Engeln Mosche erwartete, als er die Tora von G"tt auf dem Berg Sinai entgegennehmen wollte:

Als Mosche in die Höhen stieg, fragten die Engel vor dem Ewigen: "Herr der Welt, was sucht dieser Mensch unter uns?" "Er kam, um die Tora zu empfangen." Da sagten sie: "So etwas Teures willst Du an Fleisch und Blut vergeben?" G"tt forderte Mosche zu antworten auf. Mosche aber fürchtete, die Engel würden ihn mit ihrem Hauch verbrennen.

Erst als G"tt ihm Schutz durch Festhalten an Seinem erhabenen Thron bot, begann er: "Herr der Welt, die Tora, die Du mir gibst, was steht in ihr? `Ich bin der Ewige, dein G"tt, Der dich aus dem Lande Ägypten führte`" - sagte er zu den Engeln: "Seid ihr nach Ägypten gezogen? Wurdet ihr von Pharao verknechtet?" Weiter steht in ihr geschrieben: `Du sollst keine anderen Götter haben!` "Seid ihr Engel versucht, anderen Göttern zu dienen?" `Gedenke des Schabbat-Tages, ihn zu heiligen.` "Verrichtet ihr denn irgendwelches Werk, dass ihr einer Ruhe bedürft? Habt ihr Vater und Mutter, welche ihr ehren sollt?" So ging Mosche die Zehn Gebote durch und stellte fest, dass keine der Weisungen für die Engel relevant sein könnten. Dies mussten schließlich auch die Engel einsehen und eingestehen, dass die Tora ihm zusteht.   

Was möchte der Midrasch mitteilen, welcher tiefere Sinn ist seinen Worten zu entnehmen? 

Die sinnbildliche Sprache des Midrasch weist auf Verborgenes hin. Dass Mosche sich zunächst vor dem Hauch der Engel fürchtet, deutet darauf hin, dass ihr Argument eine bestechende Wahrheit enthält, welche ihn innerlich zu verzehren und zu verbrennen droht. Denn es ist wahr, dass für himmlische und vollkommene Wesen nicht nachvollziehbar ist, weshalb die ebenfalls himmlische, g"ttliche und vollkommene Tora den Himmel und die vollkommene Welt zugunsten eines von Grund auf und per Geburt fehlerhaften Wesens wie den Menschen verlassen sollte. 

Was Mosche in dieser misslichen Situation und angesichts der Schärfe ihres Plädoyers rettete war die Tatsache, dass der g"ttliche Thron ihm Schutz bot. Der Thron steht für die g"ttliche Lenkung der Welt. G"ttes Entscheidung führte zum Entschluss, die Tora auf die Erde zu senden. Mit diesem Fundament ausgestattet konnte Mosche den Engeln nun die Stirn bieten und dem g"ttlichen Entschluss eine einfache, aber ebenso bestechende Logik zufügen: Die Tora ist nicht für perfekte Wesen gedacht! Ihr Inhalt zielt nicht darauf ab, überirdischen Geschöpfen den Weg zu weisen, denn diese sind ja schon vollkommen. Ganz im Gegenteil geht es in den Geboten darum, den unvollkommenen Geschöpfen, den Menschen, welche sich mit ihrer Vergänglichkeit, ihrem Schicksal und ihrem inneren moralischen Kampf messen müssen, den Weg in die Vollkommenheit und ins ewige Überdauern aufzuzeigen.

Die Vervollkommnung des Unvollkommenen ist der erklärte Inhalt der Tora, der Weg dahin ist gleichzeitig das Ziel, denn jeden Tag ruft die g"ttliche Stimme vom Berg Sinai zu und fordert auf: strebet nach Vollkommenheit, macht die Erde zum Himmel auf Erden!