Am 9. September 2026, zwei Tage vor Beginn der Hohen Feiertage, hat die jüdische Gemeinde ihr spirituelles Zentrum in der Seitenstettengasse nach zehneinhalb Monaten Bauzeit feierlich wiedereröffnet.
IKG-Präsident Oskar Deutsch: „Wir sind wieder daheim. Der Stadttempel war geschlossen, unser Gemeindeleben war es nie. Dass wir heute wieder hier beten, verdanken wir der Republik Österreich, der Stadt Wien und Hunderten Spenderinnen und Spendern aus der Gemeinde und ihren Freunden im In- und Ausland. Sie haben nicht nur ein Gebäude erhalten, sie haben in die Zukunft des jüdischen Wien investiert."

Wiedereingeweiht wurde die Synagoge mit einer feierlichen Einbringung einer neuen Tora-Rolle. In einem Festzug wurde die Tora vom Judenplatz in den Stadttempel gebracht. Dort feierten rund 450 Gemeindemitglieder die Wiedereröffnung. Im Anschluss wurden die Mesusot angebracht – jene Pergamentrollen mit Tora-Versen, die im Judentum an den Türstöcken befestigt werden.
Oberrabbiner Jaron Engelmayer: “Die Wiedereröffnung des Stadttempels ist ein starkes Zeichen für die Zukunft. Als einzige noch aktive Synagoge, die die Schoa überstanden hat, ist die Restaurierung symbolisch eine Investition in die Zukunft und das jüdische Leben in Wien und Österreich.”
Im Vorfeld präsentierte die Österreichische Post AG anlässlich des 200-jährigen Bestehens des Stadttempels eine eigene Briefmarke und richtete am 9. September ein Sonderpostamt samt Sonderstempel in der Seitenstettengasse ein. Die von Melanie Mussegg entworfene Marke gibt einen Einblick in den Innenraum der Synagoge, hat einen Nennwert von 2 Euro (Tarif: International S Economy Welt) und erscheint in einer Auflage von 150.000 Stück.
Fotos: IKG/Rosa
Der restaurierte und sanierte Stadttempel
Umgesetzt wurden gebäude-, sicherheits- und brandschutztechnische Maßnahmen, Barrierefreiheit genauso wie eine räumliche Neuordnung der Eingangsbereiche mit einer eigenen Station für Besucherinnen und Besucher der Guided Tours (Start im Winter 2026). Die Bima, das erhöhte Lesepult, von dem aus der Tora vorgetragen wird, und sämtliche Oberflächen wurden originalgetreu adaptiert. Darüber hinaus wurden entlang des Entwurfsgedankens von Joseph Kornhäusel gestalterische Komponenten realisiert.
Fotos: IKG/Rosa
Freigelegt wurde auch historische Bausubstanz, etwa der Boden unter der Bima aus Budapester Marmor sowie Steinsockel. Alle baulichen Maßnahmen wurden von KENH Architekten in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt und der technischen Abteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien realisiert. Neben der historischen Anmutung des Raumes und der verbesserten Akustik dienen die Restaurierung und Sanierung der Modernisierung der Gemeindeinfrastruktur: Der Stadttempel wird damit zukunftsfit für die kommenden Generationen – und bleibt ein offenes Haus, das seinen Beitrag zum Zusammenleben in Wien und Österreich leistet.
Die Bauarbeiten erfolgten innerhalb der geplanten zehneinhalb Monate. In den folgenden Phasen sollen das Gemeindezentrum sowie die Fassade des Stadttempels saniert werden. Insgesamt betragen die Kosten für die Restaurierung und Sanierung 10,5 Millionen Euro. Jeweils ein Drittel kommt vom Bund, der Stadt Wien und aus privaten Spenden. Rund 95 % der Gesamtkosten sind bereits aufgebracht
Bildquelle: IKG/Morgensztern
Über den Stadttempel
Der Stadttempel ist das spirituelle Zentrum der jüdischen Gemeinde in Wien und die größte Synagoge Österreichs. Er ist die einzige Wiener Synagoge, die die Novemberpogromen 1938 überstanden hat, und bis heute durchgehend genutzt wird.