von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Frei – frei von Chamez und allem Übel
In Chamez ist die Wurzel von vielem Übel zu verorten. Rambam (More Newuchim 3, 46) erkennt darin ein Teil des früher üblichen Götzendienstkultes und erklärt damit, warum Chamez nicht auf dem Altar im Heiligtum darzubringen ist. Abarbanel, aufgrund des Talmuds (bab. Talmud Brachot 17a) sieht im Gärenden des Sauerteiges ein Symbol für den Schlechten Trieb, welcher in den Herzen sitzt und dieses säuert. Rabbiner Hofmann (3. Buch Moses 2, 12-13) vertieft diese Parallele: Die Säuerung setzt einen Zersetzungsprozess frei, welcher der Einfachheit und der Reinheit entgegenwirkt – wörtlich wie auch metaphorisch.
Der Maharal (Gewurot Haschem 36, 51) preist die Einfachheit der Mazza als Grundlage jeglichen G“ttesdienstes – zurückhaltend, einfach und bescheiden das eigene „Ich“ vor dem größeren Weltendasein zurückstehen zu lassen und einzuordnen. Deshalb finden wir auch sowohl im Heiligtum auf dem Altar als auch an Pessach ein Verbot des Gesäuerten, so der Neziw (Haamek Dawar 2. Buch Moses 13,3; 3. Buch Moses 2,11), denn des Menschen Aufgabe, die Schöpfung durch eigenes Handeln zu bereichern, aus Naturprodukten großartige Verbindungen herzustellen und anhand kreativer und technologischer Prozesse neue Realitäten entstehen zu lassen, kann und muss zunächst auf dem Fundament des Respekts und der Anerkennung der Schöpfung, des Schöpfers und des Weltenlenkers stehen – „das Alpha und das Omega“ – der Anfang und das Ende allen irdischen Daseins – sowohl in der Entstehungsgeschichte des Volkes Israel, als auch an der Quelle der g“ttlichen Offenbarung im Heiligtum.
Ein paar praktische Anleitungen in Bezug auf das Chamez-Verbot und die Pessach-Vorbereitungen heuer:
Am Mittwoch früh, 1. April, darf noch bis zum Ende der 4. Tagesstunde Chamez gegessen werden. Davor pflegen insbesondere die Erstgeborenen (oder die Väter von erstgeborenen Söhnen unter 13) sich vom Fasttag zu entbinden, indem sie an einem Sijum – Beendung eines Talmudtraktates o.ä. – teilnehmen. Dies wird auch dieses Jahr im Gemeindezentrum nach Schacharit, mit gemeinsamem Frühstück, angeboten.
Nach der 4. Tagesstunde darf Chamez nicht mehr gegessen, aber noch verschenkt, verkauft oder für ungültig erklärt werden. Deshalb beginnt da traditionellerweise die Verbrennung (oder anderweitige Vernichtung) von Chamez, um es anschließend mit einem weiteren Bitul für annulliert und besitzlos zu erklären, welcher alles noch im Besitz befindliche Chamez inkludiert. Von der 6. Tagesstunde an sollte kein Chamez mehr im Besitz befindlich sein, falls doch, kann es nur noch vernichtet werden.
Am Nachmittag vor Festtagsbeginn sollten keine professionellen Werktätigkeiten mehr vorgenommen werden, sondern nur noch einfache Tätigkeiten, insbesondere für die Vorbereitung der Feiertage. Dies hat den Hintergrund, dass zu Tempelzeiten während dieser Stunden bereits das tatsächliche Pessachfest mit dem Darbringen der Pessachopfer begann. Viele haben deshalb auch den Brauch, in Anlehnung daran dann die speziellen Mazzot Shmurot für die Sederabende zu backen.
Heuer gibt es auch den Eruw Tawschilin vorzubereiten: traditionellerweise ein gekochtes Ei zusammen mit einer Mazza, welche vor Beginn des Feiertages schon für den Schabbat vorbereitet werden und in deren Anlehnung vom Feiertag am Freitag weitere Vorbereitungen auf den Schabbat getroffen werden dürfen (Text dazu ist in den Machsorim zu finden).
Die Zeiten in Übersicht:
Di, 31.3. 20:00 Uhr: Bedikat Chamez
Mi, 1.4. 10:18 Uhr: Ende Chamez Verzehr
11:38 Uhr: Ende Chamez Verbrennen und Bitul
Einen fröhlichen und koscheren Pessach und Schabbat schalom!
