Zwölf physische Angriffe, 18 Bedrohungen, 68 Sachbeschädigungen, 226 Massenzuschriften und 347 Fälle verletzenden Verhaltens: So setzen sich die 671 Vorfälle zusammen, die die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) in ihrem Bericht über das erste Halbjahr 2026 dokumentiert. Im Vergleichszeitraum 2025 waren es 726, im ersten Halbjahr 2023, also vor dem 7. Oktober, 311. IKG-Präsident Oskar Deutsch: „Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich nicht nur die Grenze des Sagbaren, sondern auch des Machbaren verschoben. Auf antisemitische Worte folgen Drohungen und Angriffe gegen Jüdinnen und Juden. Der Ausnahmezustand ist Alltag.“
Irankrieg, Song Contest, Gaza-Flotilla als Katalysatoren

Wie unmittelbar sich Weltgeschehen und damit verbundene Propaganda auf Jüdinnen und Juden in Österreich auswirken, zeigt sich am Beispiel des Krieges zwischen den USA und Israel einerseits und dem iranischen Regime andererseits: In den zwei Wochen nach Kriegsbeginn am 28. Februar registrierte die Meldestelle fast doppelt so viele Vorfälle wie in den zwei Wochen davor, der März wurde mit 152 Vorfällen zum meldestärksten Monat des Halbjahres. Auf hohem Niveau blieb die Zahl auch im Mai, in den unter anderem der Eurovision Song Contest in Wien und die Kampagne rund um die Gaza-Flotilla fielen.
Weniger verletzendes Verhalten, mehr Angriffe und Bedrohungen
Während die Zahl der Fälle mit verletzendem Verhalten (347 nach 432) und der Sachbeschädigungen (68 nach 78) gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025 zurückging, stieg die Zahl der physischen Angriffe von 5 auf 12 und die der Bedrohungen von 8 auf 18. Bei den Angriffen nähert sich der Wert wieder jenem des ersten Halbjahres 2024 (16). Die häufigste Erscheinungsform bleibt der israelbezogene Antisemitismus. Er war in drei Viertel aller Fälle präsent (75,4 %), meist gemeinsam mit weiteren antisemitischen Motiven wie Othering (55,7 %) oder Schoa-Relativierung (43,2 %).

Johannan Edelman, Leiter der Antisemitismus-Meldestelle: „Was wir registrieren, ist nur die Spitze des Eisbergs. In die Statistik fließen ausschließlich Vorfälle ein, die wir nach sorgfältiger Prüfung als eindeutig antisemitisch verifiziert haben. Gleichzeitig ist die Meldebereitschaft von Betroffenen gering – aus Resignation oder aus Sorge, dadurch noch stärker ins Visier zu geraten. Aber: Jede Meldung hilft, das tatsächliche Ausmaß sichtbar zu machen.“
Unterschiedliche Schwerpunkte je nach ideologischem Hintergrund
191 der insgesamt 671 Vorfälle hatten einen muslimischen, 162 einen linken und 147 einen rechten Hintergrund. Bei 171 Vorfällen war keine eindeutige ideologische Zuordnung möglich. Antisemitismus kommt somit aus allen ideologischen Richtungen.
Auffällig ist jedoch, dass bei Angriffen und Bedrohungen Vorfälle mit muslimischem Hintergrund überwiegen (19 von 30). Rechts waren es vier, links drei. Vier waren weltanschaulich nicht zuordenbar. Bei gezielten Sachbeschädigungen hingegen überwiegt der rechte Hintergrund (28 von 68), gefolgt von nicht zuordenbaren (22) und linken Fällen (14). Sachbeschädigungen mit muslimischem Hintergrund gab es kaum (4). Vorfälle mit linkem Hintergrund waren vor allem bei Massenzuschriften (81 von 226) sowie bei Aufrufen zu oder der Verherrlichung von Terror (21 von 70) stark vertreten.
Jüdisches Leben nur mit Sicherheitsvorkehrungen
IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele: „Unsere Gemeinde ist seit Jahren auf umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen angewiesen. Dass wir uns daran gewöhnen mussten, darf niemals bedeuten, dass wir Antisemitismus und die damit verbundene Bedrohung als Normalität hinnehmen. Hier sind genau jene gefordert, die in ihrem Einflussbereich antisemitischen Agitatoren den Raum nehmen können, damit der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gestärkt wird.“