von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Wir wollen stark sein!
"Chasak Chasak wenitchasek!" - "Stark, stark, wir wollen uns stärken!" So ertönt es lautstark beim Abschluss der Lesung eines ganzen Buches der Tora, wie diesen Schabbat wieder mit den letzten zwei Wochenabschnitten des Buches Schemot, zweites Buch der Tora. Woher kommt dieser Ausruf, und was könnte damit gemeint sein?
Als die Feldherren König Dawids, Joaw und sein Stellvertreter und Bruder Awischaj, einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Aram und Ammon zu führen hatten, übernahm jeder eine Front und sicherte dem anderen Rückendeckung zu, falls er Unterstützung brauchen würde: "Stark, wir wollen uns stärken, für unser Volk und die Städte unseres G"ttes" (Samuel II. 10,12). Es handelt sich also eigentlich um einen Dialog, in welchem einer dem anderen Stärkung und Rückendeckung verspricht. So verstanden könnte auch der doppelte Ausruf am Ende der Tora-Lesung in Wirklichkeit als Dialog gedacht sein: "Sei stark!" - "Sei auch du stark!" - "Wollen wir uns gegenseitig stärken!" Wie schön, sinn- und kraftvoll ein solcher gegenseitiger Zuruf doch die Beendung eines ganzen Buches untermauert!
Warum aber fällt es uns ausgerechnet jetzt ein, sich gegenseitig zu ermutigen und zu ermuntern? Wäre es nicht etwa angebrachter, diesen Ausruf zu Beginn eines neuen Buches zu tätigen und sich für das Kommende mit neuer Energie zu rüsten?
Mit Beendung des Buches Schemot ist eine besondere Situation hergestellt, an welcher sich der besondere Hintersinn der Bekräftigung genau jetzt aufzeigen lässt (und Ähnliches gilt für die anderen Bücher). Mit Erstellung des Mischkan, des Heiligtums am Fuße des Berges Sinai, geschieht etwas Außergewöhnliches, ein großer und ersehnter Meilenstein in der gemeinsamen Geschichte G"ttes mit dem Volk Israel - G"tt ruht im Volk, offenbart sich im Heiligtum, Seine Ehre erfüllt den ganzen Raum (2. Buch Moses 40,34). Die Weisen vergleichen diesen Moment mit einer Heirat, wenn Bräutigam und Braut nach erfolgter Hochzeit gemeinsam in ein Haus ziehen (vgl. Raschi Hohelied 3,11). Es ist ein Höhepunkt der Freude, offenes Zeichen für die Vergebung der Sünde mit dem Goldenen Kalb.
Doch der allerletzte Satz des Buches, vier Verse später, endet mit den Worten: "Denn die Wolke des Ewigen ruht auf dem Mischkan, ...vor den Augen des ganzen Hauses Israel, auf allen seinen Zügen" (2. Buch Moses 40,38). Das Ende des Buches ist erst der Anfang einer langen Reise - mit allen ihren Zügen unterwegs! Ebenso wie die Heirat der Beginn einer langen gemeinsamen Reise ist. Die Herausforderung ist nicht der Anfang, sondern der Fortsatz, die Routine, der Weg - die erhabene Stimmung der Hochzeit und die hohen Gefühle sind bedroht, diesen zu weichen. Deshalb braucht es gerade da die Bekräftigung: "Wollen wir uns stärken" - denn ein langer Weg braucht auch immer wieder neue Kraft und Antrieb.
So wie damals das jüdische Volk noch einen langen Weg durch die Wüste ins Land Israel, und dort bis zur Errichtung des festen Tempels in Jeruschalajim vor sich hatte, und sich dafür stärken musste, so auch in heutiger Zeit, denn noch sind wir mitten auf dem Weg und dürfen dabei die großen Ziele nicht aus den Augen verlieren, bis zur vollkommenen Erlösung - "Chasak, chasak, wenitchasek!"
