von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Was sollen wir denn essen?
"Kraftvolle Helden, welche Sein Wort erfüllen" - Mit diesem außerordentlichen Lob aus den Psalmen sieht Rabbi Jizchak diejenigen beschrieben, welche die Gesetze des Schmitta-Jahres befolgen (Wajikra Rabba 1, 1). So beschreibt er, welche Kraft notwendig ist, als Feldbesitzer tagein tagaus sein eigenes Feld brach da liegen zu sehen, von ihnen noch Abgaben an die Römer leisten zu müssen, und es trotzdem nicht zu bearbeiten - ein ganzes Jahr lang! Welch eine Disziplin, welche Glaubenskraft kommt hier zutage!
Beim zweiten Blick sehen die Dinge aber nicht mehr ganz so glorios aus.
Derselbe glaubensstarke Landwirt stellt in unserem Wochenabschnitt nämlich folgende Frage: (3. Buch Moses 25, 20) "Und wenn ihr sagen werdet: Was werden wir im siebten Jahr essen? Da wir ja nicht besäen und nicht unser Getreide einsammeln?" Ist nun aus dem Gläubigen etwa plötzlich ein Zweifler geworden?
Aber nicht nur das, die g"ttliche Antwort fällt erstaunlich aus: (dort 21) "Und Ich befehle euch meinen Segen für das sechste Jahr, sodass es Getreide für drei Jahre hervorbringen wird." Ein großes Wunder ereignet sich also schon im Vorjahr des Schmitta-Jahres: dreifache Ernte in einem Jahr! Dieses übersteigt das Wunder des Manna in der Wüste gleich mehrfach, da jenes nur doppelt vom Himmel kam, und hier gleich dreifache Menge versprochen wurde, jenes nur einen weiteren Tag, hier aber mehrere Jahre versorgen musste, und bei jenem der gesamte Ursprung in einem Wunder lag, zeitlich begrenzt auf die von Wundern begleitete Wüstenwanderung, wohingegen es sich hier um alle Jahre wiederkehrende Vorgänge im Rahmen der Natur über Jahrhunderte hinweg handelt.
Angesichts solcher Wunder, bereits im sechsten Jahr, welches die Folgejahre vollkommen versorgte, worin liegt da noch die überaus gepriesene Glaubensstärke, um die Schmitta-Gesetze einzuhalten?
Viele Antworten wurden auf diese Fragen gegeben:
Der Or Hachaim Hakadosch schreibt, dass der Segen nicht im Getreide des Feldes lag, sondern diesem erst nach Ernte gegeben wurde. Also war er im sechsten Jahr noch nicht offensichtlich und zeigte sich erst im Verlauf des siebten und achten Jahres.
Rav Chaim Sabbato geht auf das psychologische Wesen des Menschen ein: Wer weiß, dass er ein ganzes Jahr lang kein Einkommen haben wird, betreibt schon frühzeitig Vorsorge, so wie wir heutzutage Altersvorsorge im Arbeitsleben implizieren. Der Feldbesitzer weiß, dass ihm das Einkommen des ganzen siebten Jahres fehlen wird, und würde natürlicherweise während der gesamten sechs Jahre vorsorgen, also noch viel Mühe schon vom ersten Jahr an zusätzlich zur eh schon sehr anspruchsvollen Arbeit auf sich nehmen. Nicht so derjenige, welcher auf G"ttes Worte und Versprechen vertraut, und seinen Schwerpunkt weiterhin und nicht weniger auf die spirituellen Akzente im Leben setzt, anstatt vor Sorge zerfressen sich um das siebte Jahr zu zerreissen.
Daran anschließend lässt sich ein weiterer Aspekt einbringen: auch wer gut versorgt ist, macht sich oft noch Sorgen, ob es reichen wird. König Schlomo konstatierte schon: "Wer Geld liebt, wird niemals von Geld satt." (Prediger 5, 9) Dementsprechend kann es auch durchaus sein, dass selbst das große Wunder des sechsten Jahres die manchmal unersättliche Gier eines Menschen nicht befriedigen wird und er sich dennoch veranlasst sieht, sein Feld weiter zu bearbeiten, aus Verlangen nach noch mehr Erträgen.
Rav Chanan Porat sieht in einem kleinen Wort den großen Unterschied, denn so spricht der Landwirt: "Hen lo nisra! - Siehe, wir werden ja nicht besäen." Dies ist nicht ein Ausdruck des Zweifels, zu sagen, wie können wir denn nicht säen, wenn wir doch nichts zu essen haben werden. Ganz im Gegenteil ist es ein Ausdruck der Gewissheit: Siehe, wir werden nicht säen. Punkt. Ohne wenn und aber, denn das ist von uns gefordert. Denn dem Wort G"ttes folgen wir mit ganzem Herzen. Doch nun wollen wir doch die Frage stellen, welche sich uns als menschliche und auf Nahrung angewiesene Wesen aufdrängt: Was werden wir essen? Die Bereitschaft, G"ttes Worte Folge zu leisten, geht also vor und ist unbedingt, trotz der sich damit einstellenden Schwierigkeit und folglich - aber erst danach folgenden - Frage nach Existenz und Überleben.
