von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Nicht des Königs Kleider
Höchst prachtvoll waren die Kleider des Hohepriesters, wie die Tora es verlangt: (2. Buch Moses 28, 2) “Und mache heilige Kleider deinem Bruder Aharon, zu Ehre und zum Schmucke”. Derart prachtvoll, dass auch der König Achaschwerosch laut unserer Weisen (bab. Talmud Megilla 12a) diese zu seinem Gelage zu Beginn der Esthergeschichte trug, sie öffentlich entweihte und gleichzeitig zeigen wollte, dass sie ihrer ursprünglichen Bestimmung im Heiligtum in Jeruschalajim nicht mehr dienen würden.
Wie falsch er doch mit allem lag! Nicht nur wurde der zweite Tempel wenige Jahre später dennoch errichtet, wie es die Propheten schon vorhersagten (bab. Talmud Megilla 11b), auch hat er nicht ansatzweise verstanden, worum es bei diesen prächtigen Kleidern wirklich ging.
Der Talmud (Arachin 16a) berichtet, dass jedem der acht Kleidungsstücke eine sühnende Funktion zukam: Das Hemd sühnt für Blutvergießen (in Anlehnung an das bunte Hemd von Josef), die Hosen für Entblößung, die Mütze für Überheblichkeit, der Gürtel für sündige Gedanken, das Brustschild des Rechts für Gerichtsbarkeit, der Efod (die königliche Schürze) für Götzendienst, der himmelsblaue Mantel für üble Nachrede, das Stirnband für Frechheit (die Stirn bieten).
Mitunter konnte Achaschwerosch zwei Dinge aufgrund seines verdorbenen Charakters gar nicht erst begreifen, was sich anhand des Brustschilds besonders gezeigt hat:
Verbindung mit allen Teilen der Bevölkerung und Demut - war er selber doch der Inbegriff der Überheblichkeit, dem gleichzeitig das Schicksal eines ganzen ihm untergebenen Volkes völlig egal war.
Die priesterlichen Gewänder waren nicht nur in ihrem Maße, sondern auch in der symbolischen Funktionalität auf deren Träger zugeschnitten. Das Brustschild beinhaltete die Namen der 12 Stämme auf deren Edelsteine eingraviert, weil dessen Träger, der Hohepriester Aharon, diese Namen auch in seinem Herzen trug (vgl. bab. Talmud Schabbat 139a), und nur im Verdienste dieser Namen in seinem Herzen ins Allerheiligste eintreten durfte (Midrasch Schemot Rabba 38).
Darüber hinaus existiert ein gesondertes Verbot, dass der Brustschild sich nicht vom Efod verrücke (bab. Talmud Joma 72a, Rambam Verbot Nr. 87), was durch die goldenen Ketten, womit das Schild an der Schürze befestigt war, gewährleistet wurde. Warum gibt es hierzu ein gesondertes Verbot, handelt es sich doch um ein Detail innerhalb der gesamten Bekleidung?
Das Herz des Hohepriesters soll stets mit allen Stämmen des Volkes verbunden sein, ohne davon abzurücken. Es ergibt sich aber noch ein weiterer Hinweis: Der Efod war ein farbenprächtiges und königliches Gewand. Der Hohepriester sollte als Vertreter vor G”tt ein königliches Auftreten haben. Jedoch darf er keinen Moment außer Acht lassen, dass diese königliche Würde ihm nur im Auftrag der Stämme und als Vertreter des Volkes zusteht, und nicht seiner eigenen Person zuzusprechen ist. Nur als demütiger Diener des Volkes hat er es verdient, die königliche Schürze tragen zu dürfen, und nur, wenn die Namen aller Stämme unverrückbar am selben befestigt sind und sich auf/in seinem Herzen befinden.
