von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Aussätze - eine physische oder spirituelle Krankheit?
Aussätze - wie abstoßend! Um dieses doch recht unangenehme Thema dreht sich der kommende Doppel-Wochenabschnitt fast vollständig. Trotz ausführlicher Beschreibung derselben bleiben die verschiedenen Formen der Aussätze - Zara`at - dennoch ein nebulöses Phänomen und lassen einige grundlegende Fragen offen: Woher kommen sie? Wie funktioniert ihr Heilungsprozess, und warum? Gibt es eine Logik hinter der scheinbaren mystischen Verklärung?
Eine spirituelle Krankheit
Bei den Aussätzen handelt es sich trotz mancher versuchter Interpretationen in diese Richtung offensichtlich nicht um eine medizinisch-biologische, sondern eine Krankheit spiritueller Natur, welche sich physisch offenbart. Darauf hin weisen verschiedene Zeichen: Der mit der Heilung Beauftragte ist nicht ein Arzt, welcher auch schon in der Tora seine Rolle einnimmt (2. Buch Moses 21, 19), sondern ein Kohen, ein Priester, ein ritueller Vertreter des Heiligtums, welcher vor allem dafür zuständig ist, den Aussatz als solchen zu erkennen und ihn per Deklaration als "rein" oder "unrein" zu erklären.
Der Heilungsprozess geschieht nicht anhand medizinischer Anleitung, Kräuter, Medikamenten oder Therapien, sondern durch Abgeschiedenheit in Einsamkeit (3. Buch Moses 13, 45-46). Ein spiritueller Prozess zur spirituellen Besinnung und Umkehr.
Auch warnt die Tora vor dem Aussatz direkt in Zusammenhang mit Miriam, welche aussätzig wurde, nachdem sie übel über ihren Bruder Mosche und dessen Frau gesprochen hat (5. Buch Moses 24, 8-9), als recht expliziter Hinweis darauf, dass üble Nachrede einer der spirituellen Auslöser dieser Krankheit ist.
So zählt der Midrasch aufgrund von Versen in den Sprüchen (6, 17-19) 7 Sünden auf, welche zum Aussatz führen: Überheblichkeit, Verlogenheit, Vergießen reines Blutes, sündhaftes Ansinnen, Hingehen zum Bösen, falsche Zeugnisse und Säen von Streit (Wajikra Raba Parascha 16).
Der Heilungsprozess
Dass es sich dementsprechend auch um einen spirituellen Heilungsprozess handelt, darauf weisen noch mehr Details hin. So sieht der Alschejch in seinem Kommentar in der weißen Hautfärbung des Aussatzes den Hinweis, dass der Aussätzige zuvor den von ihm übel Beleumdeten beschämte und dessen Angesicht/Ansehen bleich werden ließ. Auch wird der eine weiße Farbton als "Se´et" bezeichnet, abgeleitet von "sich erheben", also auf die Überheblichkeit hinweisend.
Den Heilungsprozess verbringt der Aussätzige einsam und abgeschieden, so wie er den Mitmenschen anhand seiner scharfen Zunge und üblen Worte aus der Gesellschaft zu isolieren versuchte. Dies soll ihn zur Umkehr bewegen.
Infolge ist auch er von Aussagen abhängig, von der Reinsprechung des Kohen nach Verschwinden des Aussatzes, um sich wieder der Gesellschaft anschließen zu dürfen. Zum Reinigunsgprozess gehört das Bespritzen durch "Lebenswasser" (symbolisch für die Worte der Tora) mit einem Zedernholz, Zeichen der Hochmut (hochgewachsen wie die Zeder), verbunden mit einem Ysop-Kraut, Zeichen für Demut (niedrig, gekrümmt), zu welcher sich der Hochmut hin wandeln soll - 3. Buch Moses 14, 6-7).
Ein Zeichen der Verbundenheit mit G"tt
Was in unseren Augen zunächst als negativ und abstoßend empfunden wird, sieht der Kusari (2, 62) als Zeichen der Verbundenheit mit G"tt. Die g"ttliche Gegenwart war im Volk Israel derart präsent und erfüllte es mit Lebenskraft, dass die verschiedenen Sünden wie Flecken sichtbar wurden, da sie das g"ttliche Licht entfernten. Jedoch war die Möglichkeit zur Rückkehr zum intakten spirituellen Zustand anhand des beschriebenen Prozesses gegeben. Seit der Entfernung der Israeliten vom g"ttlichen Lebensquell kommen die Sünden nicht mehr gleich zur Geltung - kein Vorteil, sondern in Wirklichkeit ein Mangel...
