Gedanken zum Wochenabschnitt - Ki Tissa, Para 5786

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IKG/Daniel Shaked

von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Das Zerschlagen g”ttlicher Worte

Direkt vom himmlischen Thron G”ttes entnommen, so beschreibt der Or Hachaim Hakadosch die ersten Bundestafeln, welche G”tt Mosche auf dem Berg Sinai überreicht wurden. Die Mischna in den Sprüchen der Väter (5,9) ordnet sie den Dingen zu, welche noch zum Ende der Schöpfungsgeschichte bereits geschaffen wurden.

Im Wochenabschnitt ist dies mit folgenden Worten beschrieben: (2. Buch Moses 32, 15-16) “Und Mosche wandte sich und stieg vom Berge herab, mit den beiden Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand; Tafeln, beschrieben auf beiden Seiten, hier und dort waren sie beschrieben. Und die Tafeln waren ein Werk G”ttes, und die Schrift die Schrift G”ttes, eingraviert in die Tafeln.”

Warum wird die Besonderheit der Tafeln erst jetzt offenbart, nachdem bereits die Sünde mit dem Goldenen Kalb in vollem Gange ist und Mosche mit G”tt verhandeln musste, deshalb nicht das Volk zu vernichten? Warum nicht schon vorher von der besonderen Gabe G”ttes berichten? Diese Frage stellt Ramban zur Stelle und antwortet: Das will uns zeigen, dass sich Mosche trotz der Erhabenheit der Tafeln nicht abhalten ließ, sie trotzdem zu zerbrechen, als er die böse Tat (das Goldene Kalb) gesehen hat.

Tatsächlich verschärft dies jedoch die Frage, wie Mosche das tun konnte, angesichts der g”ttlichen Gabe, dazu noch zu einem Zeitpunkt, als die Sünde ja bereits bekannt und in vollem Gange war?

Doch steckt die Antwort hierfür in der Schilderung der Tafeln, und gibt den tieferen Grund für das Zerbrechen derselben: Die Schrift war im Stein eingraviert. Anders als in sonst üblicher Schreibweise, auch auf die Tora bezogen, handelt es sich nicht um Tinte auf Pergament oder anderer Schreibunterlage. Was die beiden von einander unterscheidet, ist auf den ersten Blick die Haltbarkeit, denn Tinte blättert nach bestimmter Zeit wieder ab, wohingegen eine Gravur in Stein erhalten bleibt - daher auch das Sprichwort “in Stein gemeißelt”. Die Gravur der Grabsteine bspw. überdauert und bleibt über viele Jahrhunderte erhalten.

Auf den zweiten Blick ergibt sich aber ein noch wesentlicherer Unterschied: Die Tinte wird auf das Pergament aufgesetzt und ist nicht Bestandteil von diesem, sondern wie ein Fremdkörper aufgedrückt. Die Gravur jedoch ist Bestandteil vom Stein, ein Körper, organisch eine Einheit.

Genauso verhält es sich mit den eingravierten Worten G”ttes auf den Bundestafeln: Sie sind kein Fremdkörper, welcher ihnen aufgedrückt wird, sondern inhärent, von beiden Seiten zu sehen, verschmelzen zu einer Einheit mit dem Stein.

Jirmijahu gibt diese Idee mit folgenden Worten wieder: (31,32) “Ich gebe meine Tora in ihre Mitte, schreibe sie auf ihre Herzen.” Die Tora ist den Herzen und der Seele des jüdischen Volkes kein Fremdkörper, sondern natürlicher Teil von ihnen, “eingraviert, durch deren Geist der Mensch und das Volk getragen werden und in die Höhe erhoben werden, ihrem inneren Selbst treu” (Rav Kook, Olat Reija, Einführung Pessach).

Als Mosche das Goldene Kalb erblickte, sah er gleichzeitig die Selbstentfremdung der Anbeter den eingravierten Worten auf den Tafeln und damit ihrem eigenen Selbst gegenüber, was ihn veranlasste, die Tafeln als Zeichen hierfür zu zerbrechen. Denn wenn die Worte nicht im Herzen getragen werden, kann der Stein sie auch nicht halten.