von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Wie Fromme den Namen G"ttes entweihen
Geht das, heilig zu sein, und gleichzeitig den Namen G"ttes zu entweihen?
Gleich zu Beginn des Wochenabschnittes wird die Heiligkeit der Kohanim, der Priester im Heiligtum, und deren Regeln geschildert. So dürfen sie sich nicht an Toten rituell "verunreinigen", ausgenommen davon sind die nahen Verwandtschaftsgrade. Außerdem dürfen sie sich ob eines Verstorbenen keine Glatze scheren und keine Einschnitte an ihrem Körper vornehmen - eine Regel, welche auch auf andere Israeliten übertragen wird.
Und dann folgt ein Satz, welcher besondere Erklärung erfordert: (3. Buch Moses 21, 6) "Heilige sollen sie sein ihrem G"tt, und nicht entweihen den Namen ihres G"ttes, denn die Feueropfer des Ewigen, das Brot ihres G"ttes, bringen sie dar, so sollen sie heilig sein."
Die Tora wiederholt sich nicht umsonst und schreibt auch keine überflüssigen Worte oder Sätze. Weshalb ist es also notwendig, nach der Weisung, die Kohanim mögen Heilige sein, noch zu betonen, dass sie den Namen G"ttes nicht entweihen dürfen, und am Ende nochmal nachzudoppeln, sie sollen heilig sein?
Raschi zur Stelle führt in aller Kürze die Worte des Midrasch (Torat Kohanim) an, dass dies ein Auftrag an den rabbinischen Gerichtshof beinhaltet, die Kohanim auch gegen ihren Willen zu ihren Vorschriften zu zwingen.
Dies ist an sich schon eine Situation, welche den Namen G"ttes entweiht, denn eine per Geburtsrecht mit Heiligkeit priviligierte Person wie ein Kohen sollte nicht zu seiner Heiligkeit gezwungen werden müssen, sondern sich für die damit verbundene Lebensweise aus dem inneren Wunsch heraus, dieser Heiligkeit würdig zu sein und zu entsprechen, entscheiden.
Einen breiteren Ansatz, nicht nur für Kohanim geltend, findet Rav Nachum Rabinovitch in den Worten Rambams:
In seinen Halachot geht Maimonides auf ein Gebot ein, ebenfalls in unserer Parascha, welches aufgrund seiner immensen Bedeutung eine übergeordnete Rolle einnimmt und zu den wenigen gehört, für welche man sich eher töten lassen sollte, als sie zu übertreten, und welche für das ganze Volk gilt: (3. Buch Moses 22, 32) "Und entweihet nicht Meinen heiligen Namen, auf dass Ich inmitten der Kinder Israel geheiligt werde, Ich bin der Ewige, Der euch heiligt."
Hierzu beschreibt Rambam, auf welche Situationen eine solche Entweihung des heiligen Namens zutreffen würde: (Jesode haTora 5, 11) "Und es gibt weitere Dinge, welche unter die Entweihung des (heiligen) Namen fallen: dies wäre, wenn ein Mensch, welcher groß an Tora und bekannt für Frömmigkeit ist, Verhalten zeigt, über welches die Geschöpfe schlecht reden, auch wenn es nicht direkt Sünden sind... zum Beispiel, wenn seine Rede mit den Mitmenschen nicht angenehm ist und er sie nicht mit freundlichem Angesicht empfängt."
Es gibt also eine Form der Heiligkeit, welche eine gegenteilige Auswirkung hat und zur Entweihung des Namen G"ttes führen kann: wenn ein Mensch fromm und reich an Tora-Wissen ist, und dafür sogar bekannt, aber mit den Mitmenschen nicht anständig und angenehm umgeht. Dies ist eine schwere Sünde! Insbesondere wenn dieser Zugang aus Überheblichkeit entspringt, aus dem Gefühl, über dem Volk, den einfachen, unwissenden, weniger frommen Menschen zu stehen und sich von ihnen absondern zu müssen, bisweilen auch Privilegien zu beanspruchen und Respekt einzufordern. Wenn solches Verhalten dazu führt, dass die Menschen schlecht über G"tt, Seine Worte in der Tora, oder die jüdische Religion an sich denken, so entspricht es dem Verbot, den heiligen Namen G"ttes zu entweihen. Denn Heiligkeit, Frömmigkeit und Tora-Wissen verpflichtet zu einem besseren Umgang mit den Mitmenschen.
Selig sind die wahren Heiligen, welche mit ihrem Verhalten den Namen G"ttes tatsächlich auch heiligen, indem sich die Mitmenschen ihnen nahe und verbunden fühlen, sich an ihnen und ihrem Lebensweg ein Vorbild nehmen wollen, und somit G"ttes Worte schätzen und hochhalten - an ihnen erfüllt sich: "heilig sollen sie sein", durch sie sind die Tora und ihre Worte, was sie sein sollen: "Torat Chaim weAhawat Chessed" - eine Weisung fürs Leben, und Liebe zur Güte, und damit lebensspendend, eine wahre Quelle der Heiligkeit.
