von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Wurde G“tt gefunden?
Soeben haben wir die Tora beendet, und beginnen sie nun von Neuem. In einer der letzten Sätze wird das Verhältnis von G“tt zum Volk Israel besonders intim dargestellt: (5. Buch Moses 32, 10) „Er fand es im Wüstenstrich, in der Öde, wo die Wüste heult, umgibt es und belehrt es, behütet es wie seinen Augapfel.“
Onkelos zur Stelle interpretiert das Finden in der Wüste als eine Fürsorge G"ttes, da Er Sich um alle Belange des Volkes kümmerte. Raschi hingegen sieht genau die gegenteilige Seite: G“tt fand die Israeliten Ihm treu ergeben, da sie Seine Tora, Sein Königtum und Sein Joch annahmen - anders als die Jischmaeliten und die Bewohner des Berges Se`ir (die Nachkommen Esaws) – und G“tt auch vertrauensvoll in die Wüste folgten, ohne zu fragen, wie sie an einem solchen Ort überleben sollen.
Dieses denkwürdige Vertrauen, Ausdruck der Güte und Liebe des jüdischen Volkes zu G“tt, wird knapp 1000 Jahre später vom Propheten Jirmijahu gepriesen: (31, 1) „So spricht der Ewige: Das Volk, das dem Schwert entronnen ist, fand (Meine) Gunst“, oder auch im bekannten Zitat, welches Eingang in das Mussaf-Gebet von Rosch Haschana fand: (2, 2) „Ich gedenke dir der Güte deiner Jugend, der Liebe deiner Brautzeit, als du Mir folgtest in die Wüste, ein unbesätes Land.“
Mehr, als die Israeliten in G“tt gefunden haben, hat Er also in ihnen gefunden. Wozu? Braucht G“tt das jüdische Volk? Braucht Er einen Menschen?
So hat G“tt es bei der Erschaffung der Welt eingerichtet, dass Sein Königtum in der Welt erst dann erkannt wird, wenn die Menschen Ihn aus freier Entscheidung als König anerkennen und verkünden.
Deshalb stellt der Talmud in Schabbat (88a) fest, dass die Existenz der gesamten Schöpfung davon abhing, dass das Volk Israel die Tora am Berg Sinai annimmt – am sechsten Siwan, weshalb der Sechste Tag der Schöpfung („Jom HaSchischi“) durch diesen 6. Siwan bedingt blieb.
Interessanterweise beziehen unsere Weisen denselben Vers auch auf den Vorvater Awraham, in beiderlei Hinsicht: G“tt hat ihn in der spirituellen Wüste gefunden, in welcher sich Awraham in der damaligen Welt befunden hat. Gleichzeitig war es Awraham, welcher G“tt gefunden hat, Ihn aus eigenen Stücken und Beobachtungen heraus als Schöpfer erkannt und als König der Welt anerkannt hat, mitten in einer Umgebung von Götzendienern und Götterkulten – „Er/er hat ihn/Ihn in der Wüste gefunden“ (Jalkut Schimoni Haasinu, Zeichen 942; Sifri Dewarim 313).
Damit hat Awraham den Grundstein für seine Nachkommen, die Kinder Israels, gelegt, diese intime und vertrauensvolle Beziehung zu G“tt fortzusetzen, und sich gegenseitig zu finden, auch wenn es rundherum öd und wüst ist.
