von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Ist der Heilige Schrein verzichtbar?
Sind Teile des Heiligtums entbehrlich? Kann der Tempel auch ohne die Gegenstände funktionieren, welche in unserem Wochenabschnitt beschrieben sind? Grundsätzlich nein, so sind die Menora (der Leuchter), der Goldene Tisch für die Schaubrote und die beiden Altäre - für den Weihrauch im Innenraum, und für die Opfer im Hof - unverzichtbar. Ausgerechnet der Aron Hakodesch jedoch, der Heilige Schrein, der einzige Gegenstand im Allerheiligsten, welcher mit Engelsgestalten bedeckt wird und die Bundestafeln beinhalten, ist es! So war er gegen Ende des 1. Tempels und zur gesamten Zeit des 2. Tempels nicht vorhanden, stattdessen war das Allerheiligste ein leerer Raum, auf dessen Boden sich der “Ewen Hataschtit”, der “Grundstein” der Welt befand. Wie kann ausgerechnet dieser zentrale Gegenstand im Heiligtum fehlen?
Noch verwunderlicher wird diese Frage unter dem Aspekt, dass die Tora zum Schrein anweist: (2. Buch Moses 25, 15) “In den Ringen der Lade sollen die Stangen bleiben, sie sollen nicht herauskommen”, woraus der Talmud (Joma 72a) und Rambam (Hilchot Klej Hamikdasch 2, 13) schließen, dass die Stangen zum Tragen der Lade von derselben niemals entfernt werden dürfen. Der Schrein selber darf also abwesend sein, die Stangen aus ihm aber niemals entfernt werden?
Mein Rosch Jeschiwa, Rav Nachum Rabinovitch זצ”ל, widmet sich diesen Fragen und führt aus: Zum Deckel der Lade scheint die Reihenfolge der Tora unstimmig. So heißt es: (2. Buch Moses 25, 21) “Und lege den Deckel auf die Lade oben darauf, und in die Lade lege das Zeugnis, das Ich dir geben werde.” Wenn die Lade schon mit dem Deckel verschlossen wurde, wie können dann noch die Bundestafeln, das Zeugnis, in die Lade gelegt werden? Und wenn die Absicht ist, die Lade zuerst zu verschließen, und dann wieder zu öffnen - wozu?
Gegenstände können einen Eigenzweck haben, oder einer anderen Sache dienen. Der Goldene Tisch hatte den Zweck, die Schaubrote auf ihm aufzubahren, deshalb heißt er “Schulchan Hapanim”, Tisch der Schaubrote. Der innere Altar war da, um Weihrauch auf ihm zu räuchern. Dies verlieh ihm den Namen “Misbach Haketoret”, Altar des Weihrauches. Auch bei der Lade könnte selbes angenommen werden: Da sie ein Schrein, eine Art Schrank, ist, dient sie den Bundestafeln und der Tora, welche sie beinhaltet, und erst durch diese erhält sie ihren Zweck. Im Umkehrschluss könnte angenommen werden, dass die Tora ihren festen Platz nur da, in der Lade im Allerheiligsten, ihren Platz hat. Dieser Schluss ist jedoch nicht richtig. Die Tora hat keinen festen Platz, sie ist nicht auf das Allerheiligste und den Tempel beschränkt, denn sie befindet sich überall im Leben: in den jüdischen Häusern, im Verhalten und in den Herzen des jüdischen Volkes! Sie nur im Allerheiligsten zu verorten und sich damit ihrer Präsenz anderswo quasi entledigen zu wollen wäre das konträre Zeichen zur wirklichen Bedeutung und Wirkungsweise der Tora.
Deshalb ist die Lade eigenständig, schon symbolisch mit dem Deckel verschlossen, noch bevor das Zeugnis in ihnen ist, und gleichzeitig verzichtbar: Denn die Existenz der Tora ist nicht vom physischen Dasein der Bundestafeln und dem Heiligen Schrein im Allerheiligsten abhängig, sondern von ihrem Eingang in Verhalten und Herzen des Volkes. Deshalb dürfen die Stangen nicht von der Lade weichen, wie schon der Chafez Chaim erklärte, um zu verdeutlichen, dass die Tora in der Bundeslade nicht nur im Allerheiligsten ruht, sondern überall ins Leben mitgenommen wird, stets und zu jeder Zeit.