Gedanken zum Wochenabschnitt - Schemini Azeret - 5787

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von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Die ersten Worte eines Kindes

Einige Feiertage im jüdischen Kalender sind besonders für Kinder ein großes Fest. Dazu zählen Chanukka, Purim, auch Pessach (Afikoman) und Schawuot (Eis-Party), und ganz bestimmt Simchat Tora. Nicht nur werden in vielen Gemeinden den Kindern Süßigkeiten und Päckelach verteilt, auch werden sie - in aschkenasischen Gemeinden meist als einmalige Gelegenheit vor der Bar Mizwa - gemeinsam zur Tora aufgerufen. 

Woher kommt diese besondere Aufmerksamkeit und Verbindung des Festes zu den Kindern? Warum werden sie gerade hier wieder sehr in den Mittelpunkt gestellt? 

Einerseits soll den Jüngsten mit dem Verteilen von Süßigkeiten die Süße der Tora und das mit ihr verbundene Freudenfest vermittelt werden (in meiner Kindheitserinnerung sind wir an Simchat Tora mit gefüllten Sackerl voller Zuckerl nach Hause gekommen, und das große Schlecken konnte beginnen - ganz zur Freude der Eltern und des Zahnarztes...). 

Andererseits hängt das mit einem zentralen Satz zusammen, welchen wir an Simchat Tora aus der Parascha "Wesot haBracha" lesen: (5. Buch Moses 33, 4) "Mosche hat uns die Tora geboten, vererbt an die Gemeinde Jaakow." Der Talmud in Sukka (42a) sieht in diesem Satz den Anfang dessen, was die Eltern ihren Kindern von Klein auf beizubringen haben: "Ein Kleinkind, das schon reden kann, dem soll sein Vater Tora und das Schma-Lesen lehren. Was ist die Tora? Sagte Raw Hamnuna, damit ist folgender Satz gemeint: Mosche hat uns die Tora geboten, vererbt an die Gemeinde Jaakow." 

Auch an anderer Stelle (Baba Batra 14a) wird von Rabbi Ami berichtet, welcher 400 Tora-Rollen geschrieben habe, worauf Raw Hamnuna wiederum kommentierte: Vielleicht ist gemeint, dass er 400 Mal den besagten Satz "Mosche hat uns die Tora geboten" geschrieben habe (und nicht vollständige Tora-Rollen). An beiden Stellen geht es um die Tora, und Raw Hamnuna versteht damit bloß diesen einen Satz! 

Warum ist dieses Zitat von solch immenser Bedeutung, dass Raw Hamnuna es vor allen möglichen anderen Zitaten priorisiert, wenn es darum geht, einem Kind die ersten Worte beizubringen - sogar noch vor dem Schma! - und darin das Konzentrat, ja das ganze Wesen der Tora erkennt und es mit einer vollständigen Tora-Rolle gleichsetzt?

Der Kommentar "Tora Temima" erklärt zur Stelle, dass ein Kleinkind noch nicht im Stande ist, viele Worte aufs Mal zu erlernen, und schon gar nicht gehobene und komplexe Gedanken. In diesem Satz steckt in aller Einfachheit die Größe und erhabene Heiligkeit der Tora, welche sich nun mit wenigen Worten wie ein Siegel auf das Herz des Kindes setzen kann. 

Im Midrasch Sifri (Dewarim, Piska 48), sowie bei Rambam (Hilchot Talmud Tora 3, 1), kommt noch ein weiterer fundamentaler Gedanke zu diesem Satz zum Ausdruck: Drei Kronen kennen wir aus den Sprüchen der Väter (4, 13) - die Krone des Königtums, des Priestertums und der Tora. Die ersten beiden werden innerhalb einer bestimmten Personenengruppe oder nach Abstammung vererbt. Nur die Tora gilt für alle gleich, diese Krone ist allen gleichermaßen zugänglich, ohne Unterschied! Sie ist ein Erbe für die ganze Gemeinde Jaakow, und allen, welche sich ihr anschließen. 

Jedes Kind hat hierfür dieselben Chancen und Voraussetzungen, an diesem Erbe teilhaben zu dürfen - was es braucht, ist eine Grundbegeisterung, die Kindern von Natur aus innewohnt und darauf wartet, geweckt zu werden. Diese wollen wir an Simchat Tora mit gemeinsamer Freude und vereinten Kräften wachrütteln - mit Singen, Tanzen, Aufrufen zur Tora... und auch mit Süßigkeiten.