von Oberrabbiner Jaron Engelmayer
Ohne Juristen keine Welt?
Juristerei? Wirklich?
Der wohl erhabenste Moment der schon bisher erlebnisreichen und mit Wundern übersäten Reise beim Auszug aus Ägypten liegt soeben hinter uns, die gewaltige g”ttliche Offenbarung am Berg Sinai. Vor uns liegt der Aufbau des Mischkan, einer Wohnstätte für die g”ttliche Gegenwart inmitten des Volkes. Und womit befasst sich unser Wochenabschnitt, im Zenit zwischen diesen Ereignissen? "Und dies sind die Rechtvorschriften, welche du ihnen vorlegen sollst” (2. Buch Moses 21, 1). Mischpatim - Rechtsvorschriften - lautet nicht nur die Einleitung und der Name der Parascha, sie wird auch dem Inhalt derselben mehr als gerecht: Gesetze zu Dienstverhältnissen, Mord und Diebstahl, Schadensfällen, Veruntreuungen, Gerichtsverfahren, uvm.
Zu erwarten wäre, dass diese Vorschriften von Rechtsgelehrten zu studieren wären, angehenden Richtern und Juristen, aber doch nicht zu den Gesetzen und Geboten der g”ttlichen Lehre für die Gesamtheit des Volkes zählen, dazu noch an derart prominenter und spirituell höchster Stelle, direkt nach dem Dekalog am Sinai - wie kommt das? Wie kommt es, dass an den Jeschiwot (Talmudhochschulen) vorwiegend Themen des jüdischen Rechts im Talmud studiert werden, Tag und Nacht, über Jahre?
Recht und Gerechtigkeit sind, so das klare Signal, nicht nur Sache der Gerichte, sondern Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Jedes Individuum trägt Verantwortung und dazu bei, dass diese aufrecht erhalten werden. Hierzu ist es notwendig, dass sich auch jedermann mit den Gesetzen auskennt, und sie als persönliche Aufgabe, als Teil der Pflichten sich selbst, der Gesellschaft und G”tt gegenüber annimmt.
Und das ist die zweite zentrale Botschaft, welche von der Verortung dieser Gesetze ausgeht: Gerechtigkeit ist nicht ein Detail im Gefüge, es ist ein g”ttliches Fundament der Existenz, eine Säule der Welt, wie die Sprüche der Väter konstatieren: (1, 18) “Durch drei Säulen existiert die Welt: Durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.” Sie ist Voraussetzung für die Schaffung einer vollkommenen Gesellschaftsordnung, Tikkun Olam, weshalb nur durch sie der g”ttliche Auftrag für das Volk Israel in der Menschheit im Auftakt am Berg Sinai erfüllt werden kann: "(2. Buch Moses 19, 6) “Seid Mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk!”
Dieser Auftrag macht den Unterschied der Existenz des jüdischen Volkes aus: Einzelne Individuen, welche G”tt nahestehen, auf Seinen Wegen gehen und Seinen Worten folgen, gab es schon vor dem Berg Sinai, und auch danach unter den Völkern der Welt. Die Offenbarung G”ttes brachte die Neuigkeit mit, dass von nun an nicht nur einzelne Menschen, sondern eine ganze Gesellschaft, eine Nation, Seine Wege und Worte auf Erden verkünden, und als Gemeinschaft die g”ttlichen Werte lebt und vorlebt. Hierfür sind rechtes und gerechtes Verhalten unabdingbar!
Deshalb tauchen diese Themen auch an allen Schlüsselstellen der jüdischen Geschichte auf: Noch vor der g”ttlichen Offenbarung am Berg Sinai wird durch Jitro ein praktikables und funktionierendes Rechtssystem organisiert, welches von Zehntausenden mitgetragen wird. Direkt im Anschluss die Rechtsvorschriften von Mischpatim. Vor dem Einzug ins Land Israel die Mahnung, das Rechtssystem zu befolgen (5. Buch Moses 1, 8-17: “Kommt und erbt das Land! …Und ich sagte euch: …Richtet in Gerechtigkeit!”). Der Sitz des Sanhedrin (oberstes Rabbinatsgericht) direkt beim Heiligtum, auf heiligem Boden des Tempels (Lischkat Hagasit). Und nicht zuletzt die vielen Mahnungen der Propheten vor der Zerstörung des Tempels, dass dies geschehen würde, wenn die Ungerechtigkeiten im Volk weiter bestehen und zugelassen würden - was leider auch eintrat (Jeschaja 1. Kapitel).
Gleichzeitig steht das Versprechen, dass die Erlösung durch Gerechtigkeit herbeigeführt wird, weshalb wir auch täglich in der Amida für die Rückkehr des gerechten Gerichtssystem beten, denn: (dort 27) “Zijon wird in Gerechtigkeit erlöst, und seine Bekehrten durch Wohltat.”