Gedanken zum Wochenabschnitt - Bamidbar 5786

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von Oberrabbiner Jaron Engelmayer

Die Stimme des Urknalls und die Räder des Universums

Kommende Woche feiern wir das Schawuot-Fest, „Chag Matan Toratenu“ – das Fest der Übergabe unserer Tora – wie es in den Gebeten genannt wird. Passend dazu lesen wir am ersten Feiertag darüber, wie dem Volk Israel am Berg Sinai die Offenbarung G“ttes zuteil wurde und es die Zehn Gebote erhielt. Eingeleitet wird dieses großartige Ereignis mit folgenden Worten: (4. Buch Moses 19, 1-2) „Am dritten Monat zum Auszug der Kinder Israel aus dem Lande Ägypten, an diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Und sie zogen von Refidim, und kamen zur Wüste Sinai, sie lagerten in der Wüste, und Israel lagerte dem Berg gegenüber.“ Drei Mal betont diese Einleitung, dass sie in die Wüste kamen und da lagerten. Es muss also eine starke Verbindung zwischen der Wüste und dem bevorstehenden Ereignis, der Übergabe der Tora geben. Es ist kein Zufall, dass der Wochenabschnitt „Bamidbar“ – „In der Wüste“, immer am Schabbat vor dem Schawuot-Fest gelesen wird. 

Verschiedene Erklärungen und Querverbindungen bieten die Weisen und Kommentatoren an (s. bspw. bab. Talmud Eruvin 54a, Nedarim 55a), doch eine besondere und weniger bekannte Interpretation bietet der Midrasch an: (Bamidbar Raba 19, 16) „Wer erhält die Tora? Derjenige, der sich wie eine Wüste verhält, sich von allem entfernt.“ Einer der besonderen Erlebnisse und Erfahrungen der Wüste ist die Möglichkeit, sich vom Lärm der Zivilisation zu entfernen, abgesondert zu sein, Zeit mit sich selbst verbringen zu können. Der Talmud schildert dies mit folgender Beschreibung: (bab. Talmud Joma 20b) „Wäre nicht das Getöse Roms, wäre das Gerassel des Sonnenkreises zu hören.“ Die Wüste bietet eine außergewöhnliche Stille, die Möglichkeit, die Tiefen des Universums zu erfassen, Tausende Sterne in Distanzen von Millionen Lichtjahren zu erblicken – eine Tiefe, die unter der Oberflächlichkeit der Lichter und des Lärmes der Zivilisation oft verschwindet und nicht mehr wahrzunehmen ist.

Jeden Freitagabend verkünden wir es in Psalm 29 (8): „Die Stimme des Ewigen lässt die Wüste erzittern.“ In der Wüste ist die Stimme G“ttes klar zu vernehmen und aufzunehmen. Es ist diese Stimme, die das Volk Israel in der Wüste am Berg Sinai erreicht, klar und rein, die Herzen erschütternd, ins Mark fahrend. Diese Stimme verhallt nicht im Leeren. Sie verschwindet nicht. „Jeden Tag geht eine himmlische Stimme vom Berg Chorew (Sinai) aus, ruft aus und verkündet: Wehe den Geschöpfen, weil sie die Tora verachten!“ (Sprüche der Väter 6, 2) Welche Stimme? Wer soll sie hören?

Im Jahre 1965 entdeckten zwei Wissenschaftler, Arno Penzias und Robert Wilson, recht zufällig ein Hintergrund Geräusch, welche ihre Versuche zum Kalibrieren von super sensitiven Mikrowellen Detektoren der Bell Telefon andauernd störte. Erstaunt stellten sie fest, dass dieses Geräusch nicht aus der Nachbarschaft, auch nicht aus unserer Atmosphäre kam. Das Geräusch war ein kosmisches, aus den Weiten des Universums widerhallend. Sie verstanden, dass es sich um eine Art Echo des Urknalls handelte! Für diese Entdeckung erhielten die beiden später den Nobelpreis.

Wenn das Echo des Urknalls bis in die heutige Zeit gehört werden kann, warum nicht auch die Stimme G“ttes? Mit dieser Stimme wurde anhand zehn Aussprüchen die Welt erschaffen (dort 5, 1), und mit dieser Stimme offenbarte Sich G“tt dem jüdischen Volk am Berg Sinai und befahl die Zehn Gebote. Es ist diese Stimme, welche tagtäglich weiter vom Berg Sinai ausgeht und uns Menschen mahnt, die Tora, dieselbe himmlische Stimme, nicht zu vernachlässigen!     

Die Wüste lässt Raum für Zwischenräume – für Pausen, Denkpausen, verdeckte Prozesse, kreative Vorgänge, oder einfach nur, um in sich hineinhören zu können. Vielleicht wird da eine innere Stimme zu hören sein, welche oft im Lärm rund herum verloren geht. So wie G“tt zum Propheten Elijahu spricht: (Könige I. 19, 11-12) „Und siehe, der Ewige zog vorüber; und ein Wind, groß und stark, Berge zerreißend und Felsen zertrümmernd vor dem Ewigen - nicht im Winde ist der Ewige; und nach dem Winde ein Erdbeben - und nicht im Erdbeben ist der Ewige; und nach dem Erbeben Feuer - und nicht im Feuer ist der Ewige; doch nach dem Feuer folgte der Ton einer dünnen Stille.“