„Wien vor der Nacht“: Persönlicher Blick auf eine untergegangene Welt

Wien (APA) – Es beginnt mit Ausschnitten aus Max Ophüls‘ 1950 gedrehter Schnitzler-Verfilmung „Der Reigen“ und endet am Wiener Zentralfriedhof. Traum- und Trugbild, Klischee und Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart sind die Pole, die den Film „Wien vor der Nacht“ von Robert Bober bestimmen. Der französische Dokumentarfilmer wird zur Österreich-Premiere am 1. Februar im Wiener Metro Kinokulturhaus erwartet.

Bober wurde 1931 in Berlin geboren, nach der Machtergreifung Hitlers floh seine Familie nach Frankreich. Er wurde nach verschiedenen anderen Berufen Assistent von Francois Truffaut (u.a. bei „Jules und Jim“) und blieb in der Filmbranche. Sein Oeuvre als Dokumentarfilmer umfasst heute an die 120 Werke, aber auch als Autor hat er sich u.a. mit seinem 1993 erschienenen und ausgezeichneten Roman „Quoi de neuf sur la guerre?“ („Was gibt’s Neues vom Krieg?“) einen Namen gemacht. „Wien vor der Nacht“ ist eine essayistische Zeitreise ins Wien der Umbruchzeit zwischen Ende der Monarchie und „Anschluss“ an Hitler-Deutschland.

Der Zugriff ist – wie schon bei seinem im polnischen Radom, der Geburtsstadt seines Vaters, gedrehten Film „Flüchtling aus Deutschland, staatenlos, polnischer Herkunft“ (1976) – ein privater: Eine Fotografie an der Wand von Bobers Büro zeigt seinen jüdischen Urgroßvater Wolf Leib Frankel. Dieser wuchs in einem ostpolnischen Schtetl auf und wollte 1904 in die USA auswandern. Aufgrund einer Erkrankung wurde ihm jedoch die Einreise verwehrt. Bei der Rückfahrt blieb er schließlich in Wien hängen, wo er 1929 starb.

Bober reist im Zug über den Arlberg nach Wien – auf der Suche nach Spuren des jüdischen Lebens vor dem Holocaust und nach dem Grab seines Vorfahren. Er bezieht in einem Hotel in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt, der ehemaligen „Mazzesinsel“, Quartier und packt seine mitgebrachte Reisebibliothek aus: Kataloge über das jüdische Wien, Bücher von Joseph Roth, Stefan Zweig und Arthur Schnitzler…

Bober wandert durch Wien, besucht den Wiener Stadttempel, Kaffeehäuser und die Rehe am Zentralfriedhof, er baut alte Archivaufnahmen ebenso in den Film ein wie Besuche auf Ellis Island vor New York oder eines Pariser Friedhofs, wo er die Inschrift auf Joseph Roths Grab filmt: „Ecrivain autrichien – mort à Paris en exil“.

Es ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt und ihrer Geschichte, die wenig Neues zu erzählen hat. Am Ende schließlich findet Bober das Grab seines Urgroßvaters. Ein nachdenkliches, leises Ende. Lieder, in denen Zeilen wie die nun kursierenden aus dem Liederbuch der „Germania zu Wiener Neustadt“, sind Bober bei seinem Aufenthalt glücklicherweise nicht untergekommen. Sie hätten sein Bild von „Wien nach der Nacht“ vermutlich nachhaltig verändert.