„Wenn der Rabbi lacht – Paul Chaim Eisenberg und der jüdische Humor“ in „kreuz und quer“

Wien (OTS) – Das Scheitern einer Ehe, der Verlust eines geliebten Menschen, ein tragischer Unfall, finanzieller Ruin oder eine schockierende Diagnose: Worin liegt der Grund, dass die einen daran wachsen und die anderen zerbrechen? „kreuz und quer“ zeigt dazu am Dienstag, dem 22. Jänner 2019, um 22.30 Uhr in ORF 2 Tobias Dörrs Dokumentation „Hiobs Botschaften – Von Widerstandskraft und Resilienz“.

Wer etwas über jüdischen Humor in Wien erfahren will, kommt an Paul Chaim Eisenberg, bis 2016 Oberrabbiner von Wien, nicht vorbei. Niemand erzählt Witze so wie er, niemand verkörpert eine so feinsinnige, kluge Heiterkeit und ist gleichzeitig eine zentrale Figur des österreichischen Judentums. In der jüdischen Gemeinschaft kritisieren manche den umtriebigen Rabbiner als „Entertainer“. Für Eisenberg ist Humor aber nicht Selbstzweck, sondern vor allem eine Methode, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf ernstere Anliegen zu lenken. Für „kreuz und quer“ führt Eisenberg das Team um Thomas Grusch und Elisabeth Krimbacher um 23.20 Uhr in ORF 2 an ausgesuchte Orte, an denen er gemeinsam mit seinen Freundinnen und Freunden die Tiefen und Untiefen der jüdischen Heiterkeit erläutert. Der Oberrabbiner führt Regie auf dieser spontanen und sehr amüsanten Reise durch das lebendige jüdische Wien. Der ORF zeigt den Film im Rahmen des Programmschwerpunkts zum Holocaust-Gedenktag (Details unter http://presse.ORF.at).

„Hiobs Botschaften – Von Widerstandskraft und Resilienz“ – ein Film von Tobias Dörr

Der Film porträtiert drei Menschen, die von ihren Hiobsbotschaften erzählen und wie sie es schafften, trotzdem ja zum Leben zu sagen: Eine von ihnen ist die deutsche Sachbuchautorin und zweifache Mutter Silke Naun-Bates. Silke ist acht Jahre alt, als sie bei einem Spaziergang von einem Güterzug überrollt wird und beide Beine verliert. Seitdem geht sie auf Händen durch die Welt. Doch ihre Behinderung erlebt sie nie als Hindernis. Die größte Probe in ihrem Leben waren ihre intensiven Erfahrungen mit dem Tod geliebter Menschen. Alfred Strigl ist promovierter Biochemiker aus Tirol. Mit seinen damaligen Schwiegereltern investiert er in eine Firma, die seine Ideen zur Verarbeitung von Lebensmittelfarbe zu Geld machen will. Doch das Unternehmen kann sich nicht am Markt behaupten und wird schließlich von der Konkurrenz übernommen. Die Familie verliert Millionen. Die Ehe zerbricht. Alfred zieht von einer 170-Quadratmeter-Wohnung in der Wiener Innenstadt in eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung in einen Außenbezirk. Er steht vor dem Nichts. Die Erfahrungen, die er damals macht, bezeichnet er heute als „dunkle Geschenke“. Inzwischen hat er eine neue Firma gegründet und berät erfolgreich Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit. Katarina Posch studiert schon mit 17 Jahren an der Universität für angewandte Kunst Wien, promoviert in Japan und wird Professorin für Designgeschichte am angesehenen Pratt Institute in New York. 2015 erkrankt sie an einem Gehirntumor. Die Operation dauert zehn Stunden. Als sie aufwacht, ist der Tumor zwar beseitigt, aber Katarina am ganzen Körper gelähmt. Sie kann nur mehr ihr linkes Auge bewegen. Man nennt das Locked-in-Syndrom. Seitdem wird sie von ihren Schwestern gepflegt. Katarina spricht mit Hilfe eines Computers, den sie mit ihren Augen bedient. Heute, drei Jahre danach, gehe es ihr so gut wie vor der Operation, sie könne nur nicht mehr alles machen, sagt sie. Wie kam sie zu dieser Einstellung und welchen Anteil haben ihre Schwestern daran, die sie mit viel Liebe und Humor pflegen? Kann man diese Schicksale in Beziehung zur biblischen Hiobsgeschichte setzten? Wer war Hiob überhaupt und wie kann man diese jahrtausendealte Erzählung heute verstehen? Der Theologe und Philosoph Prof. Dr. Clemens Sedmak und der Notfallseelsorger Hermann Saur versuchen Antworten zu geben. Ist die Botschaft der Hiobsgeschichte am Ende womöglich gar keine Hiobsbotschaft?

„Wenn der Rabbi lacht – Paul Chaim Eisenberg und der jüdische Humor“ – ein Film von Thomas Grusch und Elisabeth Krimbacher

Humor hat im Judentum einen fixen Stellenwert – egal ob es um Religion, die tragische Geschichte, Politik, Familie oder den ganz normalen Alltag geht: Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, ist vor allem ein Zeichen für Offenheit und Toleranz. „Ich hab’ noch nie einen Fundamentalisten lachen sehen“, sagt Paul Chaim Eisenberg. Sein Motto: „Die Rabbiner müssen die Regeln kennen, der Oberrabbiner auch die Ausnahmen.“ Diese Art von Augenzwinkern lässt sich auch auf viele religiöse Fragestellungen im Judentum anwenden; denn der Mensch mit all seinen Schwächen, Sorgen und Zweifeln steht hier im Mittelpunkt – und nicht die absolute Wahrheit. Bei Eisenberg zu Hause gibt es auch einiges zu lachen: „Mit Humor werden sie angelockt, und sind sie einmal da, dann kriegen sie die Thora eingebläut“, kommentiert Eisenberg seinen wöchentlichen Schi’ur, die Thora-Lernstunde. Eine begeisterte Schülerin ist die Direktorin des Jüdischen Museums, Danielle Spera: „Es macht Spaß, mit ihm zu lernen.“

Beim Besuch im Wiener Stadttempel trifft Eisenberg auf seinen langjährigen Freund und Mitarbeiter Rami Ungar-Klein. Der Tempeldiener hat mehr als 20 Jahre „geschaut, dass für seinen Chef das Werkl rennt“. Paul Chaim Eisenberg trat 1983 in die Fußstapfen seines Vaters Akiba Eisenberg und war bis 2016 Oberrabbiner von Wien. In dieser Zeit gelang es ihm, die inhomogene Wiener jüdische Gemeinde unter anderem mit seinem „Wiener Schmäh“ zu einen.

In seiner Funktion als spirituelles Oberhaupt der Juden Österreichs setzte sich Eisenberg auch für den Dialog mit Vertretern anderer Religionen ein. Seine große Musikleidenschaft lebt er in einem gemeinsamen interreligiösen Bandprojekt („Shalom! Music Between Friends“) mit dem evangelischen Bischof Michael Bünker und Vertretern der katholischen Kirche aus. Der musikalische Projektleiter, Klezmer-Star Roman Grinberg, beschreibt Paul Chaim Eisenberg nicht nur als talentierten Sänger, sondern auch als perfekten Bühnenunterhalter, der weiß, wie man das Publikum begeistert. Und wenn man über den Humor in der evangelischen Kirche sprechen möchte? Lakonische Antwort des evangelischen Bischofs: „Da sind wir schnell fertig.“

Eine weitere langjährige Freundin ist die Psychotherapeutin Ruth Werdigier: Für sie ist Humor eine mächtige Waffe gegen die Angst und auch Zeichen für eine gewisse Widerstandsfähigkeit, um besser mit schlimmen Erfahrungen umzugehen. Mitten in ihrem Garten im zweiten Wiener Gemeindebezirk stehen die Überreste der Ghettomauer, die im 17. Jahrhundert die ausgesperrten Juden von der Stadt fernhalten sollte. „Der jüdische Humor ist eine ernste Sache“, so Eisenberg in diesem Zusammenhang; Witze über den Holocaust zu machen jedoch eine heikle Angelegenheit, bei der das Lachen oft im Halse stecken bleibt. 1923 haben mehr als 200.000 Juden in Wien gelebt, heute sind es etwa 10.000.“

Doch die jüdische Gemeinde wächst wieder, vor allem durch den Zuzug aus dem Osten. Dass Paul Chaim Eisenberg auch einer jungen jüdischen Generation ans Herz gewachsen ist, zeigt ein Treffen mit den Studentinnen und Studenten der Jüdischen Österreichischen Hochschülerschaft rund um die in Moskau geborene Jenny Mitbreit. Von Religionsunterricht bis Bar-Mizwa – der heute noch liebevoll „Pauli“ genannte Oberrabbiner wird auch hier hochgeschätzt als einer, der die Menschen nicht nach den Kategorien „religiös“ und „weniger religiös“ bewertet, sondern sie alle als gleichberechtigte Gemeindemitglieder sieht. Denn die Studierenden empfinden sich heute als Teil einer internationalen Familie, die sich nicht in erster Linie über die gemeinsame Religion definiert.

Der Tag mit Paul Chaim Eisenberg endet mit einer abendlichen Präsentation seines Buchs „Auf das Leben. Witz und Weisheit eines Oberrabbiners“ (Brandstätter Verlag). Eisenberg wird in einer übervollen Buchhandlung im zweiten Bezirk auch vom nichtjüdischen Publikum schon sehnsüchtig erwartet: Und noch einmal wird deutlich, wie sehr das gemeinsame Lachen über alle religiösen Grenzen hinweg ansteckend und verbindend ist.