Sprachwitz und Tiefgang: „Muttersprache Mameloschn“ im Kosmos Theater

makemake produktionen widmen sich Sasha Marianna Salzmanns preisgekröntem Stück rund um drei Frauen und der Unmöglichkeit der Kommunikation

(Von Sonja Harter/APA)

Wien (APA) – Drei Frauen aus drei Generationen, drei Lebensentwürfe und die Unmöglichkeit zu kommunizieren: Das ist der Ausgangspunkt in Sasha Marianna Salzmanns Stück „Muttersprache Mameloschn“, in dem sie jüdische Identität, Kommunismus und Mutterliebe mit viel Sprachwitz verhandelt. Das Kollektiv makemake produktionen brachte das preisgekrönte Stück am Dienstag im Wiener Kosmos Theater zur Uraufführung.

Den Anfang macht ein für sich sprechendes Bild: Eine junge Frau sitzt wie Jona im riesigen Maul eines Wals im Bühnenhintergrund. Vorne werden Kleidungsstücke geordnet, um sie für eine lange Reise zu packen. Ganz rechts hat sich die Musikerin Jelena Poprzan mit ihrer Bratsche und einer durch Metallspiralen mit vier Trommeln verbundenen Violine eingerichtet. Zu den nunmehr geloopten Klängen ihres melancholischen Stücks hebt sie mit einem munteren Monolog an, in dem sie als Großmutter Lin aus ihrem früheren Leben im Kabarett erzählt: „Gesungen, getanzt und Akkordeon gespielt gleichzeitig. Glauben Sie nicht?“ Cut.

Es folgt der zweite Monolog, in dem die Enkeltochter Rahel ihrem Bruder schreibt, der die Familie verlassen hat, um „in der Wüste“ für seine Sache zu kämpfen. Wehmütig blickt Michele Rohrbach, die über weite Strecken des Abends in die Rolle der Rahel schlüpft, in die Ferne. Auch sie selbst will bald gehen, und zwar nach New York. Ihre Mutter Clara (Suse Lichtenberger) empfindet das Auswandern der Tochter als Verrat. Bald entspinnt sich zwischen den drei Frauen ein erbitterter verbaler Schlagabtausch: zwischen der kommunistischen Ideologie der Großmutter, die dem Holocaust entkommen ist und in der DDR ihre Bestimmung fand, ihrer betont atheistischen Tochter Clara und der nach ihren Wurzeln suchenden Rahel. Doch auch dem Schweigen gibt Salzmann, die für ihren Debütroman „Außer sich“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und jüngst mit dem Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg ausgezeichnet wurde, viel Raum.

Regisseurin Sara Ostertag setzt dabei stark auf die poetische Kraft des Texts der 1985 in Wolgograd geborenen Sasha Salzmann, indem sie die Rollen immer wieder bunt durchmischt, sodass es dem Zuschauer überlassen bleibt, anhand von Sprache und Denkmuster herauszufinden, wer da gerade spricht. Hinzu kommt die meist stumm bleibende Martina Rösler, die mit ihren tänzerischen Spiegelungen der Emotionen eine zweite Ebene im Generationendreieck aufmacht. Allen Frauen gemein ist der Vorwurf an die Mutter: Clara moniert, dass Lin stets die Politik und die Kunst wichtiger gewesen sei als die Familie. Die junge Rahel stößt sich daran, dass ihre Mutter Clara ihre jüdische Herkunft negiert und es dennoch nicht geschafft hat, wirklich auszubrechen. Doch auch in die Gegenrichtung gehen die Vorwürfe – nämlich jene der Mütter gegenüber den Töchtern, die es ihnen nie recht machen können.

Durchsetzt ist der Abend von den wunderbaren Kompositionen Poprzans, die auch als Mitspielerin immer wieder ins Geschehen eingreift. Die getanzten Vertonungen von jüdischen Witzen, das Spielen mit Identitäten unter Zuhilfenahme von beschrifteten Tafeln und das spannungsreiche Spiel zwischen Annäherung und Abstoßung machen den 90-minütigen Abend zu einer beklemmenden Familienstudie, die sich an den Polen Privates versus Politisches reibt. Ein gelungener, nachdenklich machender Abend, der mit viel Applaus belohnt wurde.

(S E R V I C E – „Muttersprache Mameloschn“ von Sasha Marianna Salzmann, Koproduktion von makemake produktionen und dem Kosmos Theater. Regie: Sara Ostertag, Musik: Jelena Poprzan. Mit Suse Lichtenberger, Michele Rohrbach und Martina Rösler. Ausstattung: Nanna Neudeck. Weitere Termine: 6. bis 16. Dezember (jeweils Dienstag bis Samstag) und 14. bis 24. Februar (jeweils Mittwoch bis Samstag). Karten und Infos unter www.kosmostheater.at)