Rede von GS Dr. Fastenbauer zum Holocaust-Gedenktag am Heldenplatz

Liebe Freunde!

Es ist gut hier zu sein, am Heldenplatz. Der Anlass ist schlecht. Aber dass wir hier sind ist gut.

Der geplante Zeitzeuge ist wie wir hörten krank, leider gibt es im Zug der Zeit immer weniger von Ihnen. Sie sind unersetzbar, aber auch ihre Worte allein sind wichtig. Ich bin kein Zeitzeuge, ich bin die nächste Generation. Aber leider können viele von uns bestätigen, dass das Gedankengut das zum Holocaust geführt hat, auch nach der Befreiung nicht verschwunden war. Als 15-jähriger hörte ich durch Zufall bei der Oper die Schreie „Heil Borodajkevic, Hoch Ausschwitz“ die mich schockierten und als ich davon zu Hause erzählte, wurde erstmals über die Nazizeit gesprochen. Ja ist man seit damals gescheiter geworden? Da muss ich an die „Liederbücher“ denken.

Was kann ich sagen, in Zeiten eines steigenden Antisemitismus. Ich sah in meinen Computer nach, was ich vor einigen Jahren hier gesagt habe und ich finde es von unveränderter Aktualität, leider. Ich habe es mit einigen Ergänzungen versehen. Auch über Positives soll man sprechen, denn es soll zeigen, dass wenn wir breit und geeint auftreten, wir Fortschritte machen.

Wir konnten nicht immer hier sein, wann wir wollten. Durch Jahre hindurch wurde hier die Niederlage des Nationalsozialismus und der deutschen Wehrmacht betrauert. Hier ist kein Platz mehr dafür, das ist gut so. Seit wenigen Jahren findet hier am 8. Mai das Fest der Freude ob der Befreiung statt und heute gedenken wir weltweit am 27. Jänner der Opfer des Holocaust. Auch hier.

Und es werden hier daneben in der Krypta von in- und ausländischen Politikern keine Kränze mehr vor einem Soldatendenkmal niedergelegt, das von einem illegalen Nationalsozialisten entworfen wurde.

Ja die Angehörigen der deutschen Wehrmacht darunter viele Österreicher, haben, manche ohne persönliche Schuld, aber viele schuldverstrickt, durch ihre sogenannte Pflichterfüllung den Holocaust, das Morden in den Konzentrationslagern an Juden, Roma, politischen Häftlingen, Homosexuellen  und anderen  ermöglicht und waren selbst an Massakern beteiligt. Sie haben ihre Heimat in fremden Ländern nicht verteidigt sondern Angriffskriege im Dienste eines verbrecherischen Regimes geführt.

Hätte es sie nicht gegeben, müssten wir nicht heute hier sein, denn sie haben das Morden der Einsatzgruppen und in den Vernichtungslagern abgesichert.

Das erkennt viel zu langsam auch die österreichische Gesellschaft. In den Bundesländern findet man aber noch immer unkommentiert dutzende Gedenkstätten wo Gefallene des 1. Weltkrieges mit jenen des 2. Weltkrieges unter dem Titel Pflichterfüllung und Heldengedenken gleichgesetzt werden.

Können wir zufrieden zurücklehnen? Eher nicht. Die Shoah hat nicht mit den Gaskammern begonnen, das war das Ende. Begonnen hat es mit flotten, hetzerischen Sprüchen und die hören wir heute überall in Europa und auch anderswo. Wir Juden fühlen uns in Europa bei steigendem Antisemitismus aus unterschiedlichen Richtungen zunehmend unwohl.

Nicht weit von uns, in unseren Nachbarland Deutschland etwa wurde jahrelang ein neonazistischer mörderischer Untergrund ignoriert und brennen Asylantenheime. Die AFD fordert dort eine sogenannte neue Gedenkpolitik und bezeichnet den Holocaust mit obszönen Worten als winziges Detail der deutschen Geschichte. Und  bei uns etwa besonders in Oberösterreich gibt es eine aktive Neonaziszene.

In vielen Ländern Europas wie auch in den EU-Institutionen sehen wir andererseits ein nahezu zwanghaftes Beschäftigen mit tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlern der Politik des Staates Israel. Dieses Herauspicken Israels, diese doppelte Moral lässt Israel zum globalen Juden unter den Völkern werden. Die Solidarität mit Israel und seiner Bevölkerung ist Teil unserer Identität. Einerseits der toten Juden , der Opfer gedenken,  aber  an der Hälfte unseres Volkes die in Israel lebt dauernd herumkritisieren  und sie zu Tätern zu machen das können wir so nicht akzeptieren. Man nennt das Sekundärantisemitismus, man will das eigene schlechte Gewissen beruhigen indem man den Juden  auch Untaten anhängt. Dann wäre man sozusagen pari.

Das Ganze wird noch kombiniert mit einem Ignorieren der Drohungen des Holocaustleugner-Regimes in Teheran. Aus der Vergangenheit haben wir gelernt Drohungen, beim ernst zu nehmen. Für uns ist „niemals wieder“ nicht bloß eine rituell verwendete  Worthülse.

Rechtsextreme und Islamisten liefern sich in Wahrheit gegenseitig die Argumente. Sie sind bestenfalls Konkurrenten, Mitbewerber  in der Branche des Antisemitismus. Man muss gegen beide auftreten. Das kann kein entweder oder, sondern muss ein sowohl als auch, sein.

Es liegt an der österreichischen Politik und Zivilgesellschaft keine Zustände wie in Skandinavien, Deutschland oder Frankreich aufkommen zu lassen, wo Teile der jüdischen Bevölkerung dort keine Zukunft mehr für sich sehen. Ich möchte in Österreich keine Diskussion führen müssen, wie es sie in Europa häufig gibt, ob man aus Sicherheitsgründen keine Kippa tragen oder sie erst recht demonstrativ aufsetzen oder besser rechtzeitig nach Israel auswandern soll.  Fremdenfeindlichkeit auf der einen Seite und der politische Islam sind wie Pest und Cholera, beides macht eine Gesellschaft krank, beide beinhalten Antisemitismus. Der eine nützt dabei den anderen und sie nützen sich gegenseitig als Rechtfertigung.