Kritik an geplantem Abriss der ehemaligen Synagoge in Gänserndorf

Gänserndorf (APA) – Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat sich am Dienstag bestürzt über den geplanten Abriss der ehemaligen Synagoge in Gänserndorf gezeigt. Das Gebäude aus dem Jahr 1889, das ein „historisches, unwiederbringliches Dokument“ sei, soll einem Parkplatz weichen.

Im Gedenkjahr 2018 – 80 Jahre nachdem Gänserndorf am 24. Oktober 1938 in einer Mitteilung an die Bezirkshauptmannschaft als „judenrein“ erklärt worden sei – solle nun die letzte Erinnerung an das jüdische Leben in der Stadt ausgelöscht werden. „Wir appellieren an alle zuständigen oder auch nur interessierten Personen und Institutionen, gegen diesen Anschlag auf die Erinnerungskultur (Nieder-)Österreichs Einspruch zu erheben, damit die Zerstörungen jüdischer Kult- und Kulturbauten durch das Nazi-Regime nicht in der Republik Österreich weitergeführt werden“, hieß es in der Aussendung.

Laut „NÖN“-Lokalausgaben (Niederösterreichische Nachrichten) wogt in der Bezirksstadt seit längerem eine Polit-Debatte über die Zukunft des desolaten Hauses, in dem ein Jugendzentrum untergebracht sei. Die Grünen Gänserndorf seien gegen einen Abbruch. Aus ÖVP-Sicht sei ein Parkplatz auch im Interesse der Wirtschaft dringend notwendig. Zudem stehe das Objekt nicht unter Denkmalschutz und die Stadtgemeinde sei seit Jahrzehnten ohne irgendwelche Auflagen uneingeschränkte Eigentümerin. Man habe auch mit der Kultusgemeinde gesprochen – für sie sei nur die Gedenktafel erhaltenswert, hatte Bürgermeister Rene Lobner (ÖVP) laut der Wochenzeitung im Mai erklärt.

Aktuellen Medienberichten zufolge sei ein Abriss bereits 2014 im Stadtrat beschlossen worden. Nun wolle allerdings das Bundesdenkmalamt die Frage des Denkmalschutzes prüfen.

 


 

Presseerklärung zum drohenden Abriss der ehemaligen Synagoge in Gänserndorf :
(Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit)

Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der sich sowohl der gemeinsamen Vergangenheit wie einer gedeihlichen kooperativen Zukunft von Christen und Juden in Österreich widmet, hat mit Bestürzung die Nachricht aufgenommen, dass das Gebäude der ehemaligen Synagoge von Gänserndorf abgerissen werden soll, um einem Parkplatz Platz zu machen. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1889 und wurde nach Plänen des bedeutenden Architekten Jacob Modern errichtet. Das allein macht es schon zu einem Denkmal, das schützenswert ist. Als Gebäude, in dem eine religiöse Gemeinde, die zum überwiegenden Teil nach 1938 ermordet wurde, sich zwischen 1889 und 1938 zum Gebet eingefunden hat, ist es außerdem ein historisches, unwiederbringliches Dokument. Im Erhalt solcher Gebäude, die zur Auseinandersetzung mit dem Judentum auffordern, spiegelt sich der seit der Erklärung des II. Vatikanischen Konzils „Nostra Aetate“ von 1965 offen formulierte Wunsch der Kirchen nach Berührungen mit historischen wie lebendigen jüdischen Gemeinden wider, um die Wurzeln christlichen Glaubens verstehen zu lernen. Diese Aufforderung richtet sich auch an alle Christen und Christinnen.

Im Gedenkjahr 2018, 80 Jahre nachdem Gänserndorf am 24. Oktober 1938 in einer Mitteilung an die Bezirkshauptmannschaft als „judenrein“ erklärt wurde, soll nun die letzte Erinnerung an das jüdische Leben in der Stadt ausgelöscht werden. Soll die jüdische Vergangenheit Gänserndorfs aus dem Gedächtnis zukünftiger Generationen der Stadt gelöscht werden? Soll damit gar verhindert werden, dass sich wieder jüdische Familien in Gänserndorf ansiedeln?

Wir appellieren an alle zuständigen oder auch nur interessierten Personen und Institutionen, gegen diesen Anschlag auf die Erinnerungskultur (Nieder-)Österreichs Einspruch zu erheben, damit die Zerstörungen jüdischer Kult- und Kulturbauten durch das Nazi-Regime nicht in der Republik Österreich weitergeführt werden.

Univ.-Prof.em.Dr. Martin Jäggle          Dr. Willy Weisz                  Prof Helmut Nausner

Präsident                                                             Vizepräsident                    Vizepräsident


Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Tandelmarktgasse 5/2-4, 1020 Wien

+43 1 479 73 76  www.christenundjuden.org