Palästinensischer Siedlerkolonialismus

Mit fast einzigartiger Vehemenz wird der Begriff „Siedlerkolonialismus“ gegen Israel verwendet. Aber die Tatsache, dass die Juden die indigene Bevölkerung der südlichen Levante sind, lässt sich leicht beweisen. Im Gegensatz dazu belegen historische und genealogische Beweise, dass die Palästinenser im Wesentlichen von drei Hauptgruppen abstammen: muslimische Invasoren, arabische Einwanderer und lokale Konvertiten zum Islam. Die Eroberung des byzantinischen Palästina durch die Muslime im 7. Jh. (u. Z.) ist ein Musterbeispiel für Kolonialismus, wie auch die spätere Immigration, insbesondere während des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem Osmanischen Reich und den Briten. Dass die Palästinenser diesen Begriff auf die Juden und den Zionismus anwenden, ist nicht nur ironisch, sondern auch gar nicht hilfreich.

Einer der modernen akademischen Grundpfeiler ist die Idee der Siedlerkolonialismus. Sie behauptet, dass bestimmte Gesellschaften dadurch entstehen, dass Siedler entweder direkt durch oder mit Zustimmung einer imperialen Macht in einem fremden Territorium eingesetzt werden. Diese Kolonisten dominieren und vernichten dann die indigene Bevölkerung. Sie entwickeln kriegerische Kulturen, die die Eingeborenen aus historischen, literarischen und anderen Narrativen eliminieren. An erster Stelle für Beispiele werden oft die USA, Kanada, Australien und Neuseeland, Südafrika und Rhodesien sowie Israel genannt.

Das grenzkoloniale Argument gegen Israel postuliert, dass der Zionismus ein imperiales Mittel der Briten war (oder, als Alternative, dass der Zionismus das Britische Weltreich manipuliert hat), dass die Juden eine fremde Bevölkerung darstellen, die in Palästina eingesetzt wurde, um das Land zu usurpieren und die Menschen zu vertreiben, und dass Israel die Palästinenser einem tatsächlichen, symbolischen und kulturellen „Genozid“ ausgesetzt hätten.

Laut diesem Argument ist Israels „Siedlerkolonialismus“ eine „Struktur, und nicht ein Event“ und wird durch ein „Legat einer grundsätzlichen Gewalttätigkeit“ begleitet, das bis zum ersten Zionistenkongress 1879 oder sogar noch weiter zurückreicht. Indem der Zionismus dadurch mit zwei Formen einer unauslöschbaren ursprünglichen Sünde durchtränkt ist, ist gewaltsamer Widerstand gegen Israel legitimiert und jede Form von Kompromiss oder sogar Verhandlung ist „unangebracht und verlogen, denn ein ‚Dialog’ wird den asymmetrischen Status quo nicht lösen“.

Aber die Geschichte des Nahen Ostens fügt sich gar nicht in diese Auffassung. Unter den vielen Begriffen, die von den Palästinensern missbraucht und pervertiert wurden, steht die Anschuldigung des israelischen „Genozids“ an höchster Stelle für eklatanteste Vermessenheit und für doppelte Verleumdung und Abscheulichkeit. Die Vorstellung der Siedlerkolonialismus verdient besondere Aufmerksamkeit, nämlich aus drei Gründen: weil sie erst vergleichsweise spät von den Palästinensern aufgegriffen wurde, wegen ihrer weitläufigen Verbreitung unter Akademikern und wegen ihrer offensichtlichen und ironischen Falschheit.

Die Idee von Juden als „Siedlerkolonialisten“ lässt sich leicht widerlegen. Es gibt zahlreiche Belege, die zeigen, dass Juden eigentlich die indigene Bevölkerung der südlichen Levante sind. Die historische und jetzt auch genetische Dokumentation verortet Juden dort bereits vor 2000 Jahren, und es gibt unumstrittene Beweise für die kontinuierliche Ansässigkeit von Juden in der Region. Daten, die die kulturelle und genetische Kontinuität von lokalen und globalen jüdischen Gemeinden belegen, sind ebenfalls zahlreich. Die Beweise waren dermaßen zahlreich und unbestreitbar – selbst für Historiker der Antike und Verfasser von religiösen Texten, von denen einige judenfeindlich waren –, dass an eine Abkoppelung der Juden von der südlichen Levante nicht einmal zu denken war. Die Juden sind die indigene Bevölkerung.

Und was die imperiale Unterstützung betrifft: Die zionistische Bewegung begann während des Osmanischen Reichs, das sich im besten Fall zurückhaltend gegenüber den Juden zeigte, und dem die Vorstellung einer jüdischen Souveränität nicht angenehm war. Das Britische Weltreich seinerseits bot anfangs Unterstützung in Form der Balfour-Deklaration, aber während seiner Mandatsherrschaft (1920 bis 1948) schwankte die Unterstützung für den Zionismus. Der Aufbau der Infrastruktur half dem Jischuw enorm, aber die politische Unterstützung für die jüdische Immigration und Entwicklung, wie sie vom Völkerbunds-Mandat vorgesehen war, nahm mal zu, mal ab, bis sie bekanntlich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ganz zurückgezogen wurde. Das ist wohl kaum eine „Siedlerkolonialismus“.

Ironischer Weise kann das Gleiche nicht über die palästinensischen Araber gesagt werden. In einer jüngsten Untersuchung von Pinhas Inbari wurde die Geschichte Palästinas überprüft („Palästina“ ist aus dem römischen Begriff Palaestina abgeleitet, der im Jahr 135 u. Z. als Strafe für eine jüdische Revolte zur Verwendung kam). Er überprüfte insbesondere den Ursprung der Traditionen von palästinensischen Stämmen, die sich noch heute als Einwanderer aus anderen Ländern betrachten. Inbaris Untersuchung zeigt, zusammen mit vielen anderen Informationsquellen, die er nicht behandelt, dass die modernen Palästinenser in der Tat aus zwei Hauptströmungen stammen: Konvertiten von indigenen vor-modernen Juden und Christen, die sich dem Islam unterwarfen, und arabische Stämme aus dem Nahen Osten, die zwischen der Spätantike und den 1940er Jahren in die südliche Levante migrierten. Die am besten dokumentierten Ereignisse sind die islamischen Eroberungen des 7. Jahrhunderts und ihre Folgen sowie die Zeit des späten Osmanischen Reichs und des Britischen Mandats. Sogar so berühmte Beispiele wie der palästinensische Verhandlungsführer Saeb Erekat, der groteskerweise behauptet: „Ich bin der stolze Sohn der Kanaaniter, die 5.500 Jahre bevor Josua, der Sohn des Nun, die Stadt Jericho niederbrannte, dort lebten“ führen ihre tatsächliche Abstammungslinie auf den Stamm der Howeitat zurück, der von Arabien nach Jordanien migrierte. Das seltene Zugeständnis des Hamas-Ministers Fathi Ḥammad, dass „die Hälfte der Palästinenser Ägypter und die andere Hälfte Saudis sind“, entspricht da eher der Wahrheit.

Ganz im Sinne von Inbari kann hier nicht behauptet werden, dass „es keine Palästinenser gibt“, denen daher auch keine politischen Rechte inklusive Selbstbestimmung und Staat zustehen. Das wäre sowohl unlogisch als auch moralisch falsch. Die Palästinenser haben das Recht, sich nach ihrem eigenen Verständnis zu definieren, und die Israelis sollten mit ihnen im Guten glauben verhandeln. Was die Palästinenser aber nicht behaupten können, ist dass sie die indigene Bevölkerung Palästinas sind und dass die Juden Siedlerkolonialisten sind.

Palästinensische Genealogien, aus denen hervorgeht, dass ihre eigenen Stämme von außerhalb der südlichen Levante stammen, sind Prima-facie-Beweise für die arabische Grenzkolonisation. Und während Narrative der arabischen Eroberungen des byzantinischen Palästina und Nord-Afrika nicht für bare Münze genommen werden können, sind sie ein deutlicher ideologischer Ausdruck von Siedlerkolonialisten. In den Jahren 634 bis 637 u. Z. eroberten muslimische Armeen unter dem Kaliphen Umar die gesamte Levante, bevor sie 638 nach Armenien und Anatolien einfielen und 639 in Zypern.

Die darauffolgende Islamisierung und Arabisierung der Levante war ein langer und komplexer imperialer Prozess, der eine Reorganisation der Region in Verwaltungsprovinzen, die Einführung neuer sozialer Kategorien für die Besteuerung und Kontrolle, die Einsetzung von Siedlern, die Neueinteilung von Ländereien in Siedlungen sowie die Förderung der Konvertierungen zum Islam zur Folge hatte. Im Laufe der Jahrhunderte migrierten andere Siedler und wurden absichtlich eingesetzt, darunter allein im 19. Jahrhundert Ägypter, die vor Muhammad Ali in den späten 1820er bis in die 1840er Jahre flohen bzw. importiert wurden. Ferner auch Tschetschenen, Tscherkessen und Turkmenen, die in 1860er Jahren vom Osmanischen Reich nach seinen Kriegen mit Russland umgesiedelt wurden. In dem Jahrhundert immigrierten auch Beduinenstämme, Algerier, Jemeniten und viele andere.

Was die moderne Immigration betrifft, hätte Inbari sehr wohl auf die gut-dokumentierten Zunahmen bei den palästinensischen Volkszählungen zwischen 1922 und 1931 hinweisen können, die durch illegale Einwanderung, angespornt durch die Entwicklung der Infrastruktur und Wirtschaft dieser Region, hervorgerufen wurde. Einer Schätzung zufolge erfolgten rund 37 % der Zunahme der palästinensischen Bevölkerung in den Jahren von 1922 bis 1931, was über 60.000 Personen entspricht, die illegal immigriert waren. Eine andere Untersuchung zeigt, dass von 1932 bis 1946 weitere 60.000 illegale männliche Immigranten ins Land kamen, zusammen mit unzähligen Frauen, die sie als Bräute importierten. Das war noch zusätzlich zu dem großen Zustrom von arabischen Arbeitern von 1940 bis 1945 im Zusammenhang mit den Kriegsbemühungen.

Um es nochmals festzuhalten, diese Argumente gehen nicht in das Argument über: „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“, oder zu der Behauptung, das das osmanische Palästina „leer“ war, als die zionistische Bewegung begann. Es war tatsächlich bevölkert, wenn auch sehr ungleichmäßig, aber diese Bevölkerungen sind in den vorhergehenden Jahrhunderten in das Land immigriert. Und dieser Prozess beschleunigte sich genau wegen der zionistischen Bewegung und dem Britischen Mandat. Die palästinensische Kolonisation fand – ironischerweise – unter der Ägide eines muslimischen und christlichen Imperiums statt.

Und schließlich gibt es das Problem des eigenen palästinensischen ethno-nationalen Bewusstseins und seine Beziehung zur Kolonialisation. Behauptungen einer eigenen palästinensischen ethnischen Identität, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, sind nicht überzeugend. Stattdessen kam die Idee dazu als Elite-Konzept in den Jahren unmittelbar vor und insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg auf, die mit viel tieferen und resilienteren Stammes- und Religionsidentitäten wetteiferte. Die Nationalisierung der Massen erfolgte graduell im Laufe der darauffolgenden Jahrzehnte, und wurde zum Teil durch Tragödien angetrieben, die ihnen weitgehend von ihren Führern auferlegt wurden, darunter als bekannteste der „Arabische Aufstand“ von 1936 bis 1939, die Ablehnung des Teilungsplans im Jahr 1947, der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 und die darauffolgende, eher lokale Zerstreuung von Flüchtlingen bis in die 1950er Jahre. Palästinensischer Nationalismus und Identität sind weitgehend reaktiv und sekundär, und weisen darauf hin, dass grenzkoloniale Identität in erster Linie eine Stammes- und Religionsidentität war, und letztere imperial per Definition.

Im 19. und 20. Jahrhundert konnte sich die Mythologie der „zeitlosen“ Palästinenser festsetzen. In der früheren Phase war dies ein Tropus der europäischen Orientalisten: die Palästinenser als lebende „Fossilien“, die die Lebensweise der Bibel spiegelten. Das wurde später aus strategischen Gründen von den Palästinensern selbst aufgegriffen, um politisch und kulturell der zionistischen Rückkehr in das Land zu kontern. Diese Verwendung war vielleicht verständlich, wenn auch ironisch. Aber sie erreicht eine reductio ad absurdum in Erekats Behauptung, Vorfahren zu haben, deren Wurzeln bis ins Jungpaläolithikum zurückreichen.

Somit sind es die Palästinenser, die also die Siedlerkolonialisten sind, und nicht die Juden oder gar die Zionisten. Verändert sich durch diese Erkenntnis irgendetwas? Bringt die Beseitigung eines Mittels aus dem Instrumentenkasten der Verweigerer uns den Verhandlungen oder dem Frieden irgendwie näher? Das scheint unwahrscheinlich. Aber langfristig gesehen wird es notwendig sein, dass sowohl Palästinenser als auch Israelis gewissen Wahrheiten ins Auge sehen. Eine davon ist, dass die Ablehnung Israels im Kern nicht eine Funktion des palästinensischen Nationalismus und lokaler Identität ist, sondern eine islamistische religiöse Opposition gegenüber jüdischer Autonomie und Souveränität. Eine weitere Wahrheit ist, dass auf eine tendenziöse Kategorie wie der „Siedlerkolonialismus“, die ironischerweise die palästinensischen Behauptungen auf einen indigenen Status untergräbt, zugunsten einer ehrlichen Auswertung der Geschichte verzichtet werden sollte.

Alex Joffe ist Archäologe und Historiker. Er ist Shillman-Ginsburg Fellow beim Middle East Forum.

BESA Center Perspectives Papers werden dank der Unterstützung der Greg Rosshandler-Familie veröffentlicht.

Von Dr. Alex Joffe

BESA Center Perspectives Paper No. 577, 3. September 2017

Quelle: https://besacenter.org/perspectives-papers/palestinians-settlers-colonialism/