NS-Opfer-Gedenken in Rechnitz: Warnung vor wachsendem Antisemitismus

Suche nach Massengräbern von ermordeten jüdischen Zwangsarbeitern geht weiter – Gedenktafel für ermordeten ungarischen Dichter enthüllt

Rechnitz (APA) – In Rechnitz im Südburgenland hat am Sonntag eine Gedenkfeier für die Opfer beim Bau des Südostwalls während der Endphase der NS-Herrschaft stattgefunden. Etwa 150 Menschen waren der Einladung des Vereins „RE.F.U.G.I.U.S“ gefolgt. Israels Botschafterin in Österreich, Talya Lador-Fresher, warnte in ihrer Rede vor wachsendem Antisemitismus.

„Antisemitismus – egal ob dieser von rechter, linker oder islamistischer Seite kommt – darf nicht toleriert werden“, sagte Lador-Fresher. Die bei einem Massaker im März 1945 im Zuge eines NS-Gefolgsschaftsfestes ermordeten 200 jüdischen Zwangsarbeiter seien, so die Botschafterin, „zweimal zu Opfern geworden: Einmal durch die Tat selbst, das zweite Mal durch das Schweigen.“

Die in einem System von Schützen- und Panzergräben beim Kreuzstadl vermuteten Gräber der Ermordeten konnten trotz der bisher 16 Suchaktionen und Grabungen nicht gefunden werden. Auch die Anfang März durchgeführte Grabung im „Remise“ genannten Waldstück südlich des Kreuzstadls blieb ohne Ergebnis.

„Wir sind in Ungarn immer noch nicht richtig in der Lage, den Holocaust zu verarbeiten“, stellte Ungarns Botschafter in Österreich, Andor Nagy, fest: „Vor der Wende, zu kommunistischen Zeiten, war es fast unmöglich, offen über die Tragödie zu sprechen.“ Gegenüber Antisemitismus sei null Toleranz angebracht: „Die Geschichte lehrt uns, dass wir Ungarn den Antisemitismus rechtzeitig bekämpfen müssen.“

„Es ist wichtig, vor allem der Jugend klar zu machen, was passiert, wenn Grundwerte der Demokratie, wie Grund- und Freiheitsrechte beschnitten werden und die menschliche Würde mit Füßen getreten wird“, betonte Landtagspräsidentin Verena Dunst (SPÖ). Sie legte im Namen des Landes Burgenland einen Kranz beim Kreuzstadl nieder.

Paul Gulda, Obmann des Vereins „RE.F.U.G.I.U.S“, bezeichnete die Gedenkstätte Kreuzstadl als „Brennpunkt dessen, dass über dunkle Geschichtskapitel gesprochen wird. Solange geschwiegen wird, kann sich eine Gesellschaft von diesem Übel nicht erholen.“ Zum steigenden Antisemitismus warnte Gulda vor politischen Entwicklungen: „Die Entrechtung der Juden in Deutschland, Ungarn und Österreich ging nicht über Nacht vonstatten. Sie ist schritt- und stückweise passiert.“ Die zuletzt auf Initiative des Bundesdenkmalamtes betriebene Suche nach den Gräbern der Ermordeten werde weitergehen, kündigte Gulda an.

Nur von wenigen der 200 Opfer des Massakers kennt man die Namen. Nachforschungen ergaben laut dem Verein „RE.F.U.G.I.U.S“ kürzlich, dass einer der prominentesten ungarischen Poeten der Zwischenkriegszeit, Laszlo Fenyö (vormals Friedmann, geb. 1902) 1942 zur Zwangsarbeit verpflichtet, gefoltert und 1945 bei Rechnitz ermordet wurde. Die an ihn erinnernde Gedenktafel wurde am Sonntag im Rahmen der Gedenkfeier enthüllt. Dabei anwesend war auch der Budapester Arzt Gabor Vadasz, dessen Vater und Onkel Opfer des Massakers waren.

Im Gedenken an die beim Bau des Südostwalls ums Leben gekommenen Opfer legten außerdem Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Zalaegerszeg, der Gemeinde Rechnitz und des Mauthausenkomittees beim Kreuzstadl Kränze nieder.

Vertreter der Katholischen und Evangelischen Kirche sprachen Segensworte. Zum Abschluss der Gedenkfeier sprach und sang Kantor Alexander Lerner von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien das Totengebet „El Male Rachamim“ zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Zeit.

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