„Light of Hope“: Gedenkmarsch in Wien für die Opfer der Shoah

Am Donnerstagabend ist der Gedenkmarsch „Light of Hope“  durch die Wiener Innenstadt gezogen. Organisiert wurde er, wie jedes Jahr, von der jüdischen Jugend Wiens anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome.

Mit dem Gedenkmarsch „Light of Hope“ entzündeten Vertreter der jüdischen Jugend, organisiert durch die Jugendkommission der IKG Wien, am Donnerstag, 7. November 2019 ein Licht der Hoffnung für die Zukunft. Einerseits gedachten sie damit  der Novemberpogrome 1938.

#LightofHope

Gepostet von Oskar Deutsch am Donnerstag, 7. November 2019

 

Neben Jugendvertretern sprachen bei der Abschlussveranstaltung unter anderem Nationalratspräsidentin Doris Bures und IKG-Präsident Oskar Deutsch.

 

Dies ist die Rede von Präsident Deutsch:

Sehr geehrte Frau Nationalratspräsidentin Bures,

sehr geehrter designierter Botschafter Rodgold,

Herr Bischof Chalupka, Abgeordnete des Nationalrats, Gemeinderäte, Exzellenzen,

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

 

Sie nannten es die „Reichskristallnacht“ – Kristall deshalb, weil in der Nacht vom 9. auf den 10. November sehr viele Glasscheiben zerbrochen wurden.

Geschäfte jüdischer Kaufleute wurden geplündert und zerstört, Wohnungen verwüstet, alle Synagogen wurden entweiht, niedergebrannt oder gesprengt.

Aber es blieb nicht nur bei Sachschaden!

27 Jüdinnen und Juden wurden während der Novemberpogrome allein in Wien ermordet,

88 schwer verletzt, mehr als 6.500 Menschen verhaftet und knapp 3.700 verschleppt.

In dieser Nacht sahen auch der 24-jährige Leopold Schoen und sein Bruder Richard ihre Synagoge in Wien brennen.

Die Nacht und den darauffolgenden Morgen verbrachte die Familie in Angst in ihrer Wohnung – bis Uniformierte an die Türe klopften. Sie nahmen die Brüder mit – Die Eltern mussten in der Wohnung bleiben.

In einem Anhaltezentrum warteten Leopold und Richard Schoen gemeinsam mit Hunderten Inhaftierten stundenlang – sie alle mussten stehen, erhielten kein Wasser und keine Information bis „Poldi“ – wie Richard seinen Bruder nannte – plötzlich herausschrie:

„,Was haben wir Juden falsch gemacht? Warum müssen wir so leiden?‘“

Die Wache holte ihn heraus, prügelte auf ihn ein. Es war das letzte Mal, dass Richard seinen Bruder sehen sollte.

Am 13. November wurde Richard Schoen ins KZ Dachau deportiert. Wie durch ein Wunder kommt er frei, da zu diesem Zeitpunkt Freilassungen möglich waren, wenn eine konkrete Ausreisemöglichkeit ins Ausland gegeben ist.

Richard Schoen konnte nach England flüchten. Er ist der einzige Überlebende seiner Familie.

 

Auch Raul Hilberg überstand die Pogrome in Wien. Im amerikaischen Exil wurde er zu einem der bedeutendsten Shoah-Forscher der Welt. Über das Gedenken schrieb Hilberg:

„Die Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu begreifen.“

 

Seit den späten 1980er-Jahren hat sich vieles im Umgang mit der Shoah in Österreich zum Besseren gewendet. Das Verdrängen und Vergessen-Wollen wurde beendet – jedenfalls im politischen Diskurs.

Vor wenigen Wochen hat der Nationalrat einen Meilenstein in der fast 40-jährigen Aufarbeitungsgeschichte gesetzt: Verfolgte des Nazi-Regimes und ihre Nachfahren können die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Zurückerhalten.

Aber immer noch gibt es jene, die die Befreiung durch die Allierten als Niederlage betrachten – sogar im österreichischen Parlament:

Abgeordnete, die stolz sind auf Nazi-Lieder, auf antisemitisches und rassistisches Gedankengut und erst wenn die Empörung zu groß wird, erst dann, sprechen sie No-Na-Distanzierungen aus.

Nichts ist mit der Shoah vergleichbar! Aber das, was zu den Gaskammern führte, müssen wir ansprechen. Immer!

Die Wurzel des Übels ist Hass. Wo Hass verbreitet wird, ist der Tod nicht weit. Und dennoch wird er täglich verbreitet:

  • Täglich droht das iranische Regime mit einer neuen Shoah.
  • Immer wieder greifen Islamisten und Rechtsextremisten Synagogen an.
  • Populisten schüren Feindbilder. Früher wurde Rothschild als Synonym für jüdische Weltverschwörung verwendet, heute Soros.
  • Früher wurde gegen Juden als Ritualmörder gehetzt, heute wird das Schächten als Ritualmord dämonisiert.

Viel zu viele in der Politik sehen immer nur den Antisemitismus der anderen. Judenfeindlichkeit in den eigenen Reihen wird verharmlost.

Aufstehen und Verantwortung zu übernehmen ist ein Gebot der Stunde.

Das Versprechen, dass das Nachkriegs-Europa den Überlebenden und ihren Kindern gegeben hat, lautet: „Nie wieder!“

Dieses Versprechen beinhaltet auch die bedingungslose Anerkennung des Staates Israel, den so viele österreichische Überlebende mitaufgebaut haben und der heute eine Heimat für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Backgrounds ist.

Ob in Israel, in Österreich oder anderswo: Alles, was wir tun, tun wir letztlich für unsere Kinder und Enkelkinder.

Vielen Dank den Jugendlichen der Bnei Akiva, Shomer Hazair, Jad beJad, BBYO, den Jüdischen Österreichischen Hochschülern und dem Team der JUKO, der Jugendkommission der IKG!

Ihr seid das Gegenteil von Gleichgültigkeit – ihr seid das Licht der jüdischen Gemeinde und die Zukunft Österreichs.