TÄTIGKEITSBERICHT 2017

zu den Themen: Jüdische Friedhöfe, Archive, Statuten,
Wiener Wiesenthal Institut – Rabensteig und Internationale Organisationen


JÜDISCHE FRIEDHÖFE IN ÖSTERREICH:

a) Richtlinien für die Zuerkennung von Leistungen des Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich:

Nach langjährigen schwierigen und mühsamen Verhandlungen konnten diese Richtlinien 2015 so abgeändert werden, dass die Arbeit auf den jüdischen Friedhöfen voll in Angriff genommen werden konnten. Diese fast 4 Jahre dauernden Gespräche haben letztendlich dazu geführt, dass der administrative Aufwand, die Antragsführung und vor allem die verschiedenen Nachweise und Gutachten erheblich reduziert werden konnten.

b) Verteilung der Gelder:

Mit Ausnahme des Friedhofes in Hohenems, der von einem eigenen Verein betreut wird und dessen Sanierung erhebliche Fortschritte gemacht hat, ist die IKG für 63 Friedhöfe verantwortlich. Für diese Friedhöfe wurde 2001 eine Kostenschätzung erstellt, die später angepasst wurde. Im Rahmen der nun begonnen Arbeiten ist es evident geworden, dass die beschlossenen € 40 Mio. plus Wertsicherung keinesfalls für die notwendigen Arbeiten reichen werden, sodass die Prioritäten der notwendigen Sanierungen verändert wurden und in einer ersten Phase jene Arbeiten vorangetrieben werden, die es ermöglichen, die Friedhöfe an die jeweiligen Gemeinden zur Pflege übergeben zu können. Das sind also Sicherungsmaßnahmen des Bewuchses (Bäume, Sträucher, Gras entfernen), der Umfriedungsmauern und Zäune, die Freilegung und Begehbarmachung von Wegen und Sicherungsarbeiten, damit Grabsteine nicht mehr umfallen und jedwede Form von Gefährdung der Besucher ausgeschlossen ist. Es werden auch einige Grabsteine aufgestellt und vereinzelte Grabsanierungen durchgeführt. Daher war es notwendig, die Verteilung der erhofften Geldmittel (50% Bund + Länder + Spenden) neu zu regeln.

c) Friedhof Hohenems:

Dieser wird von einem eigenen Verein betreut. Die Mittel des Nationalfonds (ca. € 51.000,-) wurden nicht nur zur Gänze ausgegeben, sondern überschritten. Damit wurden die ersten drei Tranchen der Friedhofssanierung abgeschlossen (ursprünglich waren ca. € 102.000,- für Hohenems angesetzt, davon 50% vom Nationalfonds). Die Kultusgemeinde hat eine weitere Überschreitung der zugeordneten Mittel abgelehnt.

d) Sanierung von 11 Friedhöfen mit Unterstützung des Nationalfonds:

Seit 2-3 Jahren ist die Sanierung der Friedhöfe Baden, Göttsbach, Klosterneuburg, Stockerau (alle Niederösterreich), Deutschkreutz, Kobersdorf, Lackenbach (alle Burgenland), Wien Währing, Zentralfriedhof 1. Tor und 4. Tor voll angelaufen. Diese Arbeiten werden im Wesentlichen von der JFS, der Jüdischen Friedhofssanierungs- und Verwaltungs GmbH, überwacht und koordiniert. Auf den ersten zwei Friedhöfen (Deutschkreutz und Stockerau) sind die Arbeiten mittlerweile fertiggestellt und die Friedhöfe an die Gemeinden zur Pflege übergeben worden. Den Statusbericht der JFS zum 28.9.2017 können Sie unter Link 1 abrufen.

e) Friedhof Wien Seegasse (Rossau):

Bilder aus der Seegasse (Link2)

Dieser höchstwahrscheinlich älteste Jüdische Friedhof in Österreich wird seit Jahren in Kooperation zwischen der Stadt Wien, dem Bundesdenkmalamt, der Magistratsabteilung 7 und der IKG Wien saniert. Dabei wurden durch Radarmessungen zahlreiche unter der Naziherrschaft vergrabene Grabsteine gefunden. Diese werden nun systematisch ausgegraben, saniert und wieder aufgestellt. Die Gesamtarbeiten werden über € 2,5 Mio. kosten und zu 80% von der Stadt Wien und dem Bundesdenkmalamt bzw. der Magistratsabteilung 7 in 10-Jahres-Tranchen getragen und zu 20% von der IKG getragen.

Wir möchten uns an dieser Stelle besonders bei Herrn Ing. M. Eck, Mag. F. Herzog, Mag. R. Fastenbauer und Mag. Tina Walzer (Friedhof Währing!) für die Unterstützung und Mitarbeit in der JFS ganz herzlich bedanken.

g) Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“:

Auf Initiative von Herrn Günther W. Havranek wurde dieser Verein gemeinsam mit vielen engagierten Persönlichkeiten (z. B. Karl Javurek, Dr. Jennifer Kickert, Dr. Gerbert Frodl, Dr. Ariel Muzicant) und gemeinsam mit Vertretern der IKG (Mag. R. Fastenbauer, Ing. M. Eck) und in Kooperation mit Mag. Tina Walzer gegründet. Es geht darum die notwendigen Eigenmittel aufzubringen.

Die Arbeiten auf den Friedhöfen sind auf 20 Jahre ausgelegt und wir hoffe, im Jahre 2030 soweit zu sein, dass alle jüdischen Friedhöfe in Österreich von den jeweiligen Gemeinden in Pflege übernommen sein werden.

Präsident Oskar DEUTSCH – Dr. Ariel MUZICANT – Maurizi BERGER – Mag. Elie ROSEN


ARCHIVE:

a) Seitenstettengasse:

Jubiläumsfeier, Archiv der IKG. (Die Fotogalerie öffnet sich beim Anklicken.)

In einem ersten Schritt wurden die Archivräumlichkeiten in der Seitenstettengasse 2 und am Desider-Friedmann-Platz generalsaniert und die dort befindlichen Bestände von Schimmel und anderen Beeinträchtigungen befreit. Die Arbeiten haben ca. € 1,1 Mio. Euro gekostet, die zum überwiegenden Teil von der öffentlichen Hand getragen wurden. Auch die Bestandsaufnahme von 5,5 Mio. Dokumenten, die in der Seitenstettengasse gelagert sind, wurde abgeschlossen. Es wurde ein Tag der offenen Tür und das 200jährige Jubiläum des Archivs entsprechend begangen.


b) Czerningasse, Restitution der IKG-Archive:

Nunmehr beschäftigt sich die Archivabteilung der IKG mit der Aufarbeitung der Archivbestände in der Czerningasse (6,2 Mio. Dokumente), mit der Digitalisierung der Schoah relevanten Archivbestandteile welche dem VWI übergeben werden sollen und der Rückgabe von IKG-Archiven aus dem Burgenland („Jüdisches Zentralarchiv“ in Eisenstadt), Moskau (Archiv und Bibliothek), Warschau (Jüdisch Historisches Institut in Warschau), Jerusalem (Central Archives) und Prag (Jüdisches Museum/Archiv, Nationalarchiv). Nähere Informationen entnehmen Sie bitte Link 3. Sollten Sie weitere Unterlagen über das Archiv benötigen, so wurde eine eigene Broschüre zum 200-jährigen Bestehen des Archivs erstellt, die Sie unter Link 4 bestellen können.

Die Verhandlungen mit verschiedenen österreichischen aber auch ausländischen Stellen sind äußerst schwierig und langwierig und werden sicher noch Jahre dauern. Die IKG erhält aber Schritt für Schritt ihre Archive zurück und das große Ziel ist es, sämtliche Archivteile wieder in Wien zu vereinen.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei Mag. Susanne Uslu-Pauer und Erika Jakubovits für die tolle Arbeit bedanken.

Präsident Oskar DEUTSCH – Dr. Ariel MUZICANT


STATUTEN:

Nachdem die IKG-Statuten und das Israelitengesetz alle aus dem 19. Jahrhundert stammten, haben wir 1995 begonnen, allen Kultusgemeinden in Österreich eine neue rechtliche Grundlage zu geben. Dazu wurde zunächst eine Israelitische Religionsgesellschaft (IRG) im Rahmen der bestehenden Gesetze gegründet und eine Verfassung mit allen bestehenden Kultusgemeinden nach vielen Jahren ausverhandelt. Dies diente einerseits dazu,  zu verhindern, dass Dritte ohne unser Einverständnis Kultusgemeinden gründen und um ein gemeinsames rechtliches Erscheinungsbild der Kultusgemeinden herzustellen. Im Anschluss haben wir über Jahre mit der Bundesregierung, dem Kultusamt und den im österreichischen Nationalrat vertretenen Parteien ein neues Israelitengesetz verhandelt und umgesetzt (2012). Der Kultusvorstand hat anschließend eine Reihe von Anpassungen und Änderungen im Statut vorgeschlagen und eine Statutenkommission beauftragt, einerseits alle Änderungen einzuarbeiten, andererseits ein neues lesbares, von Verdoppelungen und Widersprüchen befreites IKG Wien-Statut zu erstellen. Wir möchten an dieser Stelle besonders Herrn Prof. W. Wieshaider für seine Arbeit in diesem Zusammenhang danken. Im Jänner bzw. im Juli 2017 wurde dieses Statut beschlossen. Sie können es und das neue Israelitengesetz unter Link 5 und 6 (neues Statut und Israelitengesetz) abrufen. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei allen Mitgliedern der Statutenkommission (Alusch Berger, Yaacov Frenkel, Albert Stern, Lydia Fischman, Michael Moffat und Elie Rosen) mit Ausnahme der Vertreter des VBJ, die nicht zu den Sitzungen erschienen sind. Leider haben u.a. VBJ und Chaj versucht, durch Blockade des Kultusrates die Beschlussfassung zu verhindern, was zu einem monatelangen Streit geführt hat, der jedoch letztendlich im Juli 2017 beigelegt werden konnte. Auslöser dieses Streites war die mehrheitliche Entscheidung der Bundesländergemeinden, das aktive Wahlalter nicht von 18 auf 16 Jahre zu senken. Für uns ist mit dieser Arbeit ein über 20-jähriger Prozess abgeschlossen, der der Kultusgemeinde ein einzigartiges, modernes Statut und dem österreichischen Judentum eine Rechtsgrundlage liefert, die wesentliche Bestandteile jüdischen Lebens, wie z. B. Schechita, Brit Mila, jüdische Feiertage und die rechtliche Organisation der Kultusgemeinden, regelt und sicherstellt, dass weder von innen noch von außen unsere religiösen Rechte verändert werden können.

Präsident Oskar DEUTSCH – Dr. Ariel MUZICANT – Maurizi BERGER


Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien – Sanierung des Hauses Rabensteig:

Als Vertreter der IKG im VWI-Vorstand und als Projektleiter der Sanierung des Hauses Rabensteig 3 habe ich in den letzten Jahren sowohl die Renovierungsarbeiten des Hauses als auch der davor befindlichen Straße und Gehsteige durchgeführt. Die Sanierung ist zur Gänze abgeschlossen. Das Wiesenthal Institut ist als Mieter in das Haus eingezogen. Im Erdgeschoss sind noch 270 m² Fläche frei. In diese soll die aus dem Jüdischen Museum Wien gekündigte Buchhandlung Singer übersiedelt werden und eine Kombination aus Buchhandlung, Infopoint der IKG und Kaffeehaus entstehen. Die Mieteinnahmen aus diesen beiden Objekten sollten die Gesamtinvestition der Renovierungsarbeiten in 15 Jahren zurückzahlen. Da es jedoch gelungen ist, eine größere Summe ($ 2 Mio.) für dieses Projekt aus den USA als Spende zu bekommen, hat sich die finanzielle Situation wesentlich verbessert. Die genaue Abrechnung ist jedoch erst möglich, wenn der neu gewählte Kultusvorstand das Buchhandlungsprojekt samt der daraus resultierenden Miete im kommenden Jahr beschließt und dann sämtliche Zahlen vorliegen. Vorab nur so viel: Die Jahresmiete des VWI beträgt € 380.000,-.

Die Übersiedlung des Wiesenthal Institutes in seine neuen Räumlichkeiten ist Ende 2016/Anfang 2017 ordnungsgemäß abgeschlossen worden. Auch das von DI. Simon Wiesenthal für diesen Zweck zurückgelassene Archiv wurde aus der Salztorgasse in den Rabensteig gebracht. Nun stehen die Vorbereitungen der Übersiedlung des Shoah-relavanten Archivs der IKG samt deren Digitalisierung kurz vor Abschluss und ich hoffe, dass das Gesamtprojekt bis Ende des Jahres 2017 unter Dach und Fach ist. Angesichts des Umstandes, dass uns immer weniger Zeitzeugen aus der Shoah zur Verfügung stehen, haben wir 1985 entschieden, ein Shoah-Zentrum zu schaffen und es ist mir eine besondere Genugtuung, dass diese Arbeit nun fertig wird.

Dr. Ariel MUZICANT


Vertretung bei internationalen jüdischen und nichtjüdischen Organisationen:

a) EJC / WJC:

Als Vertreter der österreichischen jüdischen Gemeinde wurde Dr. Ariel Muzicant 2012 zum Vizepräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses und des World Jewish Congress (als einziger in diese Funktionen gewählter Vertreter einer kleinen Gemeinde) gewählt und 2016/2017 in beiden Funktionen wiedergewählt. Von den vielen Aktivitäten seien – beispielhaft – das Gespräch mit Vladimir Putin und die Privataudienz bei Papst Fanziskus sowie die Vertretung anlässlich der 50-Jahres-Feiern zu Nostra Aetate in Rom erwähnt. Weiters wurde Dr. Muzicant die Verantwortung für die Sicherheit der jüdischen Gemeinden im EJC übertragen, hat er die Sicherheitsabteilung des EJC SACC (Security and Crisis Management Center) in Wien gegründet, welche mittlerweile 7 Mitarbeiter hat und für die Verbesserung der Sicherheit aller jüdischen Gemeinden in Europa zuständig ist.

b) OSZE / ODIHR:

Dr. Muzicant vertrat den EJC bei den OSZE/ODIHR-Konferenzen zum Thema Sicherheit der jüdischen Gemeinden in Europa (Berlin, Wien) und hat zuletzt im Europäischen Parlament in Brüssel den Leitfaden unter dem Titel „Antisemitischen Hassverbrechen begegnen – jüdische Gemeinden schützen“ vorgestellt. Dieser kann unter Link 7 abgerufen werden.

c) FRA:

Der EJC hat Dr. Muzicant zu seinem Vertreter bei der FRA (Agentur der Europäischen Union für Grundrechte) bestellt. Diese hat 2013 eine erste Studie in 9 (8) europäischen Ländern zum Thema „Wie empfinden jüdische Bürger Europas den Antisemitismus“ durchgeführt. Nunmehr kommt es 2018/19 zu einem Update dieser Studie, wobei es gelungen ist, diese Studie auf 12 Länder (darunter auch Österreich) zu erweitern, und bei Fragestellung, Durchführung und Auswertung behilflich zu sein. Da es sich um eine sehr groß angelegte Studie handelt, ist diese für die jüdische Bevölkerung in Europa besonders wichtig.

Präsident Oskar DEUTSCH