Jüdisches Leben sichtbarer machen

Gespräch von NR-Präsident Wolfgang Sobotka mit Oberrabbiner Jaron Engelmayer anlässlich des jüdischen Lichterfests

Seit August dieses Jahres ist der in Zürich geborene Rabbiner Jaron Engelmayer neuer Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Anfang Dezember empfing Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka den Wiener Oberrabbiner zu einem Gedankenaustausch über aktuelle Themen, welche die Kultusgemeinde bewegen. Dazu gehört die ständig präsente Bedrohung durch Antisemitismus, aber auch die aktuelle Coronasituation, welche für das Gemeindeleben empfindliche Einschränkungen bedeutet.

Das ständige Vorhandensein einer antisemitischen Bedrohung wurde heuer an mehreren Fällen besonders deutlich, erinnerten Oberrabbiner Engelmayer und Nationalratspräsident Sobotka. Sie reichen von der Attacke auf den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz Eli Rosen und die jüngste antisemitische Attacke auf einen Rabbiner in Wien in der Öffentlichkeit. Die Terrorattacke in Wien Anfang November fand direkt vor der ältesten noch bestehenden Synagoge der Wiener jüdischen Gemeinde statt.

„Sicherheit und Sichtbarkeit sicherzustellen, ist eine zentrale Aufgabe der IKG. Wenn man sich als Jude verstecken muss, zeigt das, dass in einer Gesellschaft eine schwierige Situation besteht“, sagte Oberrabbiner Engelmayer.

In Hinblick auf sein neues Amt hofft er daher auf ein Verständnis, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass jüdische Identität offen und ungefährdet gelebt werden kann.

„Vor diesem Hintergrund schätze ich besonders an Wien, dass Juden hier ihr Judentum offen zeigen können und dass es auch auf den Straßen für alle sichtbar ist“, betonte Engelmayer.

 

Chanukka: Die Erinnerung an das Licht und Hoffnung in dunklen Zeiten

Einigkeit herrschte im Gespräch auch darüber, dass jüdisches Leben, Kultur und Geschichte ein wichtiger Teil der Identität Österreichs sind. Jüdische Menschen haben über das religiöse Leben hinaus auch stets einen wichtigen Beitrag zu Kultur, Wissenschaft und gesellschaftlichem Leben des Landes geleistet, merkte Sobotka an.

Engelmayer fügte hinzu, dass es einen richtigen Dialog auf Augenhöhe und gegenseitiges Vertrauen jedoch erst seit einigen Jahrzehnten gibt. Entscheidend hierfür war vor allem das zweite Vatikanische Konzil und die Erklärung „Nostra aetate“ (lateinisch für „in unserer Zeit“; Anm.) von 1965, das die Beziehungen zwischen Juden- und Christentum auf neue Beine gestellt hat. Deswegen hat der Begriff „christlich-jüdisch“ heute eine ganz andere Bedeutung als noch in der Vergangenheit.

Leider sei aber vielen weiterhin nicht bekannt, wie Jüdinnen und Juden heute in Österreich leben und wie sie ihren Glauben und ihre Traditionen pflegen. Daher gelte es, die Vielfalt modernen, jüdischen Lebens sichtbar und erfahrbar zu machen und so Berührungsängste abzubauen, meinte der Nationalratspräsident.

Die Gesprächspartner waren sich einig, dass das jüdische Lichterfest Chanukka eine gute Gelegenheit bietet, bei allen Menschen gemeinsame Hoffnung auf die Überwindung auch dunkler Zeiten zu unterstreichen. Das auch als Tempelweihefest bekannte achttägige Chanukka, dass in diesem Jahr von 10. bis 18. Dezember stattfindet, ist zwar kein Hauptfest des Judentums, es ist aber Gelegenheit für Feiern im Familienkreis. Das heutige fröhliche Fest, zu dem das Entzünden von Kerzen oder Öllichtern in einem speziellen Leuchter gehört, entwickelte sich vor einem ernsten historischen Hintergrund. Im zweiten Jahrhundert vor der allgemeinen Zeitrechnung entweihte das hellenistische Seleukidenreich das zentrale jüdische Heiligtum, den Tempel in Jerusalem. Die Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels 164 v.d.Z. wurde in der jüdischen Tradition zu einer Feier, die den Sieg des Lichts über das Dunkel symbolisiert. Wie Oberrabbiner Jaron Engelmayer erläuterte, kommt es nicht von ungefähr, wenn Christen wie Juden ein Lichterfest im Winter feiern: „Wir Menschen suchen in dunklen Zeiten das Licht, wir sehnen uns nach Wärme und Geborgenheit im Familiären. All das kommt in beiden Festen zum Ausdruck“.

Nationalratspräsident Sobotka fügte hinzu: „Die Zuversicht an Chanukka steht auch symbolisch für die Bewahrung der jüdischen Identität, allen fürchterlichen Versuchen, sie zu zerstören zum Trotz.“

(Wien/PK)