Jüdische Gemeinde trauert um Arik Brauer

Ein großer jüdischer Künstler ist nicht mehr: Arik Brauer ist Sonntag Abend im Alter von 92 Jahren verstorben, wie die Familie der APA in einer Stellungnahme mitteilte. Darin übermittelte sie auch die letzten Worte des Malers, Grafikers, Bühnenbildners, Dichters und Sängers: „Ich war so glücklich mit meiner Frau, mit meiner Familie, mit meiner Kunst und meinem Wienerwald. Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“
Das offizielle Österreich betrauerte Brauer am Montag wortreich. Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte ihn als einen „Künstler, wie unser Land – an kreativen Menschen so reich – nur wenige hervorgebracht hat. Maler, Musiker, Lehrer – kaum lassen sich seine Begabungen, kaum lässt sich sein Können angemessen aufzählen. Mit der Erfahrung von Antisemitismus, Verfolgung und Mord in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen, wurde Arik Brauer zum kritischen Citoyen. Er mischte sich ein im besten Sinne des Wortes. Er erhob seine Stimme für Freiheit, Demokratie und Solidarität. Seine Bilder ebenso wie sein Engagement sind zum festen Bestandteil unseres kollektiven Bewusstseins geworden. Sie haben uns geprägt und unser Land in künstlerischer und in gesellschaftspolitischer Hinsicht verändert. Österreich wird diese Stimme, die so sanft und klar war, vermissen.“
Brauer sei „einer der größten Künstler der Republik“ gewesen, betonte auch Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer. „Er hat in allen Kunstsparten, in denen er tätig war, das Fenster zur Fantasie geöffnet. Viele seiner Werke – von den Liedern über die Bilder bis zu kostüm- und bühnenbildnerischen Arbeiten – werden allgemein, aber auch mir persönlich in Erinnerung bleiben. Brauer hat aber auch noch ein anderes Fenster geöffnet – nämlich jenes der Erinnerungen. Er hat mit seinem persönlichen Zeugnis gegen den Terror des NS-Unrechtsregimes auch zu Zeiten darauf aufmerksam gemacht, als niemand darüber sprechen wollte, und damit zur Schaffung eines Konsenses gegen die Barbarei beigetragen. In gewisser Weise hat er damit auch den Kreis seiner Kunst mit seiner Biographie geschlossen – zu einem optimistischen und bunten Werk. Meine Anteilnahme gilt in dieser Stunde seiner großen Familie. Die Republik Österreich wird ihn als einen ihrer großen Künstler in Erinnerung behalten.“
„Als jüdischer Künstler und Überlebender der Shoah war Arik Brauer auch ein Mahner, der gerade jungen Menschen die Vergangenheit eindrucksvoll schilderte. Auch sein Einsatz für Israel bleibt uns ewig in Erinnerung“, betonte IKG-Präsident Oskar Deutsch am Montag.  Brauer habe ein großes Herz gehabt und einen unverkennbaren Sinn für Humor. Und: „Sein Engagement für Demokratie und Menschenwürde stehen seinem Schaffenswerk in Bedeutung und Umfang in nichts nach.“ Deutsch erinnerte zudem, dass Werke Brauers die jüdische Gemeinde bis heute begleiteten und begleiten: da waren zum einen seine Arbeiten am früheren Standort der Zwi Perez Chajes-Schule in der Castellezgasse, da sind bis heute seine Bilder im Gemeindezentrum in der Seitenstettengasse. „Zahllose religiöse,  öffentliche und persönliche Feiern wurden und werden von Brauers Werk begleitet. Arik Brauer lebt durch seine Kunst im Herzen der Kultusgemeinde für immer weiter“, so Deutsch.
Brauers Aufwachsen in Wien-Ottakring war vom NS-Terror geprägt. Er kam am 4. Jänner 1929 als Erich Brauer zur Welt, sein Vater stammte aus Litauen und war Schuhmacher. Der Bub überlebte den Nationalsozialismus in einem Versteck, der Vater starb in einem Konzentrationslager. Später sollte er nie beschönigend, aber auch nicht verbittert über diese schwere Zeit sprechen. „A Gaudi war’s in Ottakring“ nannte er einen Solo-Theaterabend, bei dem er als Zeitzeuge auch diesen dunklen Jahren mit Humor beizukommen versuchte, und nicht nur über Nazis und Antisemiten erzählte, sondern auch von Begegnungen mit Antifaschisten.
16 Jahre alt war Brauer, als der Zweite Weltkrieg und damit auch der NS-Terror zu Ende war. Er inskribierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien, wo er bei Albert Paris Gütersloh und Herbert Boeckl bis 1951 studierte und mit Künstlern wie Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter oder Helmut Leherb die Wiener Schule des Phantastischen Realismus gründete. Parallel absolvierte er auch eine Gesangsausbildung an der Musikschule der Stadt Wien.
Nach dem Studium reiste er viel, teils mit dem Fahrrad durch Europa und Afrika. 1954 und 1955 lebte er in Israel, wo er seine Frau Naomi, deren Familie aus dem Jemen stammte, kennenlernte. Das Paar zog nach Paris, wo sie als Gesangsduo auftraten, wo Arik Brauer aber auch seine erste erfolgreiche Einzelausstellung feierte.
1964 kehrte Brauer nach Wien zurück. Seine Bilder wurden Teil einer Weltwanderausstellung der Phantastischen Realisten, die zwischen 1953 und 1965 gezeigt wurde. Immer wieder zog es ihn in dieser Zeit aber auch in das Künstlerdorf En Hod in Israel. In Wien reüssierte er zudem zunehmend auch als Bühnenbildner (Staatsoper, „Medea“, 1972), in der Folge auch international (Oper Paris, „Die Zauberflöte“, 1977). Und er reihte sich unter die ersten Austropopper. Lieder wie „Sie ham a Haus baut“ und „Sein Köpferl im Sand“ klingen bis heute in unseren Köpfen nach.
Ab 1986 hatte er für zwölf Jahre eine Professur an der Akademie der bildenden Künste inne. Und in den 1990er Jahren wandte er sich einer weiteren Kunstrichtung zu: der Architektur. In der Gumpendorfer Straße entstand das „Brauer-Haus“, in der Leopoldstadt gestaltete er die Fassade einer katholischen Kirche. Mit 85 legte er nochmals eine von ihm gestaltete Haggada vor – bereits 1979 hatte er den Wegweiser durch die Sederabende illustriert.
Die letzte große Werkschau Brauers zeigte das Jüdische Museum Wien 2019. Fünf Jahre zuvor hatte das Leopold Museum sein Oeuvre ausgestellt. Er wurde vielfach ausgezeichnet, darunter auch mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich. Arik Brauer hinterlässt seine Frau, seine drei Töchter Timna, Ruth und Talja sowie deren Kinder.
(wea)