JMF (Mena Watch): Lustige Antisemiten. Eine Belgienkritik

Von Thomas Eppinger

Während „Israelkritiker“ ein richtiger Beruf geworden ist – „Ich mach‘ jetzt den Israelkritiker bei Humboldt“ hat es nur deshalb nicht in die in Österreich legendäre Kampagnegeschafft, weil es dafür gar keine Ausbildung braucht – herrscht ein eklatanter Mangel an Belgienkritikern. Eine Marktlücke, die gefüllt werden will.

Belgien ist nämlich nicht nur für Waffeln, Bier und Pommes frites berühmt: seit 2010 gehört der Karneval in Aalst zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“. Aus irgendeinem Grund steht der Antisemitismus nicht auf dieser Liste der UNESCO, obwohl er ja auch irgendwie eine Art Kulturerbe der Menschheit ist, wenn auch keines, auf das man stolz sein müsste, aber dafür gibt es ihn schon sehr viel länger als den Karneval in dieser sicher reizenden Stadt, in der einst die erste Buchdruckerei der Niederlande gegründet worden ist.

Weil der Karneval zum Kulturerbe gehört, soll man sich dort über alles und jedes lustig machen dürfen, solange es nicht pornographisch ist oder lebendige Tiere im Spiel sind – Antisemitismus stört die Stadtverwaltung jedoch nicht. Heuer zeigte einer der Wagen des lustigen Umzugs Karikaturen von orthodoxen Juden auf prall gefüllten Geldsäcken, wie Der Stürmer sie nicht besser hinbekommen hätte. Sogar an eine Ratte auf der Schulter hat man gedacht, so viel Tradition verpflichtet eben zur Liebe zum Detail. Mit Antisemitismus hat das natürlich nichts zu tun, man habe mit dem Wagen „Sabbatjahr“ nur auf die ständig steigenden Preise aufmerksam machen wollen. Klar, was würde sich dazu besser eignen als das Bild vom „geldgierigen Juden“? Das versteht wenigstens jeder, schon seit Jahrhunderten.

2013 zeigten die geschmackssicheren Aalster übrigens einen Wagen, der wie ein Todeswaggon der Nazis aussah, daneben marschierten als KZ-Offiziere und Haredim Verkleidete, das Plakat auf dem Waggon zeigte flämische Politiker mit Zyklon-B Kanistern. Bei dieser Art Humor wartet man gebannt darauf, was die Zukunft bringt.

Vielleicht einen Wagen mit Schwarzen, die Frauen in schicken Baströckchen mit einem Knochen im wuscheligen Haar, die Männer mit einem Ring in der Nase und als Dekoration Bananen und abgetrennte Hände und Füße junger Mädchen?

Sie halten das für geschmacklos und übertrieben? Geschmacklos ja, übertreiben nein. Als der Kongo noch im Privatbesitz des belgischen Königs war, ermordeten die Belgier acht bis zehn Millionen Kongolesen, die Hälfte aller Einwohner. Zwischen 1888 und 1908 plünderten sie das Land mit unfassbarer Brutalität. Sie versklavten, verstümmelten, folterten, vergewaltigten und ermordeten die Einheimischen, um auch noch das letzte Gramm Kautschuk aus dem Land zu pressen. Das Bild eines jungen Mannes, der fassungslos auf die kleine Hand und den Fuß seiner fünfjährigen Tochter starrt, abgetrennt von den „Wachen“, die das Kind zur Eintreibung von Kautschuk ermordet hatten, ist eine Ikonographie des Kolonialismus. Aber es geht ja um Karneval, also brauchen wir noch ein lustiges Motto: „Kultureller Austausch mit Negern“ fände ich gut.

Ähnlich geschmackvoll wäre auch ein Wagen voll dunkelhaariger bärtiger Männer mit stechendem Blick, Bombengürtel umgeschnallt und Maschinengewehre in der Hand, inmitten von zerfetzten Leibern und aufgeplatzten Köpfen. Schließlich ist der Brüsseler Stadtteil Molenbeek eine der größten Brutstätten des islamischen Terrorismus in Europa. 100.000 Einwohner, 80 Prozent mit Migrationshintergrund, die meisten Muslime aus Algerien und der Türkei. Viele der Attentäter der letzten Jahre stammten aus Molenbeek oder fanden nach ihrer Tat dort Unterschlupf. 2016 wurde Brüssel selbst zum Ziel eines Anschlags mit 32 Toten und 340 Verletzten. Aber wir wollen ja lustig sein, also nennen wir den Wagen einfach: „Gelungene Integration“.

Es herrscht wahrlich kein Mangel an Themen aus dem Kleinstaat Belgien, die sich hervorragend für Faschingsumzüge eignen würden, und jede einzelne hätte mehr Bezug zur Realität als die antisemitischen Obszönitäten in Aalst.

Immerhin ist Belgien auch jenes Land, in dem Marc Dutroux und seine Frau aufgrund des Totalversagens der Behörden jahrelang Kinder und junge Frauen vergewaltigen und töten konnten. Dutroux war vermutlich Teil eines Kinderschänder-Netzwerks, das in die höchsten Kreise reicht und weit über Belgien hinausgeht. Und wie sich im Nachhinein herausstellte, war einer der Anwälte der Opferfamilien selbst pädophil. Reporter der deutschen WELTund des holländischen Algemeen Dagblad arbeiten seit nunmehr zwei Jahrzehnten daran, die Hintergründe zu recherchieren. Dabei stießen sie auf weitere Fälle vermisster und ermordeter Kinder und Spuren in Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Der Vater einer der Ermordeten sagte der WELT, dass alle, die die Wahrheit in diesem Fall suchen würden, um ihr Leben fürchten müssten oder es bereits verloren hätten. Für ihn sei klar, dass Geheimdienste in dem ganzen Komplex eine Rolle spielen würden und dies der Grund sei, „dass systematisch Ermittlungen behindert wurden. Es ist eben die Pflicht von Justiz, Polizei und Geheimdiensten, uns mitzuteilen, was wirklich mit unseren Kindern geschehen ist und wer dafür die Verantwortung trägt.“ Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele lustige Karnevalswagen man zu dieser Geschichte machen könnte.

Dabei ist Belgien durchaus ein Spiegelbild der Europäischen Union, was Brüssel zu einer würdigen Hauptstadt Europas macht. Innerlich gespalten zwischen einer wohlhabenden Region (Flandern) und einer armen (Wallonien), mit einem grotesken Föderalismus, in dem jeder nur auf die eigene Macht bedacht ist. „Radikalisierte Milieus in einigen Stadtvierteln (nicht nur Molenbeek), ein zersplitterter Polizeiapparat und politische Strukturen, die mit kafkaesk noch freundlich umschrieben sind, erleichtern Verbrechern und Terroristen ihr Geschäft“, schrieb der SPIEGEL nach der Festnahme des Bataclan-Attentäters Salah Abdeslam, der vier Monate lang in Molenbeek untertauchen konnte.

Aber was will man schon erwarten von einem Land mit einer Hauptstadt, dessen Wahrzeichen ein lächerliches, pissendes Männchen ist: „Der Junge, der in der Hauptstadt Europas auf die Straße pisst, steht ganz allgemein für Meinungsfreiheit, Widerstandsgeist und demokratische Werte.“ Wo ein pinkelnder Bube als Bastion der Freiheit herhalten muss, hält man antisemitische Verblendung eben auch für gesellschaftskritischen Humor.