JMF: Kairos Al-Azhar Universität und der Anstieg des muslemischen Antisemitismus

Analyse: Al-Azhar und der Anstieg des muslimischen Antisemitismus

Von ZVI MAZEL

„In unserer jüngeren Vergangenheit wurden elf Juden von radikalen Islamisten ermordet und einige von ihnen gefoltert.“

Mit dem am 21. April von 300 französischen Persönlichkeiten veröffentlichten Manifest, das einen neuen „Antisemitismus durch die muslimischen Radikalisierung“ anprangert, wurde in den heiligen Hallen der Kairoer Al-Azhar-Universität, dem großen Zentrum des Lernens und Forschens über den sunnitischen Islam und seine Doktrin, gleichsam in ein Wespennest gestochen.

„In unserer jüngeren Vergangenheit wurden elf Juden von radikalen Islamisten ermordet und einige von ihnen gefoltert, weil sie Juden waren. Koranverse, die zur Ermordung und Bestrafung von Juden, Christen und Ungläubigen aufrufen, sollten von den theologischen Obrigkeiten für null und nichtig erklärt werden“, heißt es in dem Manifest.

Der stellvertretende Leiter der Al-Azhar-Universität Sheikh Dr. Abbas Shuman reagierte darauf am 24. April erbost und leugnete, dass es solche Verse gebe. Es könne nur jemand getötet werden, der ein Verbrechen oder einen Mord begangen hatte. Der Islam, so sagte er, könne nicht für Fehlinterpretationen derjenigen verantwortlich gemacht werden, die die Texte für bare Münze nehmen, ohne die Interpretation der islamischen Weisen zu berücksichtigen. Was sie als Verse betrachten, die zum Töten aufrufen, sind in Wahrheit Verse des Friedens, die sich auf eine gerechte Vergeltung für tatsächliche Gewalttaten und nur auf den Täter beziehen.

Das Recht, sich selbst, sein Land und seine Ehre zu verteidigen sowie Angreifer zu bekämpfen – sogar durch Aufstellung einer bewaffneten Truppe, um potenzielle Angreifer abzuschrecken – wird von allen Religionen anerkannt, fügte er hinzu. Und schließlich riet Shuman denjenigen, die es wagten, solch ungehörigen Ideen Raum zu geben dies zu unterlassen. Sollten sie jedoch weiter darauf beharren, so können sie mit ihren Missverständnissen und Forderungen zur Hölle fahren, sagte er.

Auf ähnliche Weise äußerte sich der Scheich der Al-Azhar, Groß-Imam Dr. Ahmad el-Tayeb, der am 27. April während seiner wöchentlichen Rede erklärte, dass der Welt-Zionismus den Islam sowohl im Westen als auch im Osten verzerre.

Einige Tage später bekräftigte Shuman seine Ansichten bei der Eröffnungssitzung einer Konferenz über Recht und Scharia an der Al-Azhar Universität. Er lobte die Scharia und beauftragte islamische Gelehrte, „das wahre Gesicht des Islam“ zu zeigen, nämlich Koranverse, die Frieden und Brüderlichkeit propagieren und – bei Anwendung – der ganzen Welt Frieden bringen könnten. Und er fügte hinzu, dass die Beachtung und Befolgung der Scharia keine Frage der Wahl, sondern eine Pflicht sei.

Bei dieser Gelegenheit erklärte der Mufti von Ägypten, Dr. Shawki Allam, dass die islamische Scharia jederzeit und überall durchgesetzt werden könne.

Nach einer so ausdrücklichen Darstellung des friedlichen Charakters der Scharia hätte man annehmen können, dass die Al-Azhar alle Manifestationen eines islamischen Antisemitismus, insbesondere mit Blick auf die Ereignisse in Europa, umgehend verurteilt hätte.

Das Problem ist nur, dass im Koran sehr wohl bekannte beleidigende und anstößige Verweise auf Juden und Nichtgläubige zu finden sind und regelmäßig von muslimischen Predigern zitiert werden, um gegen die Juden und gegen Israel zu hetzen.

Zum Beispiel: „Oh Ihr Gläubigen – freundet Euch nicht mit jenen unter den Menschen an, denen die Bibel vor Euch gegeben wurde. Führt Krieg gegen diejenigen, denen die Bibel vor Euch gegeben wurde, und die aber nicht an Allah glauben.“

Es stimmt, dass es auch positive Verweise auf die Juden gibt: In der gleichen Sure 5 wiederholt Vers 20, dass das Heilige Land den Juden versprochen wurde – ebenso wie Sure 10, Vers 104. Jedoch erklären muslimische Gelehrte, dass frühere Verse, die den Juden scheinbar günstig geneigt sind, durch diese Verse außer Kraft gesetzt würden.

Bald nach seiner Wahl besuchte Präsident Abdel Fattah al-Sissi die Al-Azhar-Universität am 1. Januar 2015 anlässlich der Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten und sorgte für Überraschung, als er die versammelten islamischen Weisen aufforderte, das extremistische, vom Islam übernommene Narrativ zu ändern und es der jetzigen Zeit anzupassen. Er argumentierte damit, dass es nur die Bruderkriege unter den Arabern fördern würde – und dass die Welt ohnehin nicht bereit sei, es zu akzeptieren.

Gleichzeitig wies der Präsident das Bildungsministerium an, eine Reihe von Texten aus Schulbüchern zu streichen, die zu Gewalt anstacheln oder den Dschihad fordern. Manche dieser Texte befassen sich mit den blutigen Kriegen von Salah ad-Din und Okba Ibn Nafaa, die Nordafrika eroberten und eine Spur von Gewalt und Zerstörung hinterließen. Einige abfällige Verweise auf Juden – aber nicht alle – wurden gestrichen. Dieser Schritt war scharf kritisiert worden, weil dadurch angeblich auch historische Ereignisse gelöscht wurden, die Teil der islamischen Tradition und des islamischen Erbes sind.

Die Universität kam jedoch der Bitte des Präsidenten nicht nach. Ihre führenden Geistlichen wiederholten, dass niemand das Recht habe, die Scharia zu ändern. Daraus entstand ein anhaltendes Spannungsverhältnis zwischen der Präsidentschaft und der Institution.

Shumans Kommentare verdeutlichen einmal mehr, dass die Al-Azhar-Geistlichen sich hartnäckig gegen Veränderungen wehren. Als der tunesische Präsident Beji Caid Essebsi um ihre Unterstützung für seine Entscheidung bat, das Erbrecht anzupassen, um eine Gleichstellung zwischen Männern und Frauen zu erreichen, antwortete Sheikh Al-Azhar schnell und eindeutig: Fragen im Zusammenhang mit Erbschaft und Familie seien im Koran ausführlich behandelt und kein Gegenstand von Interpretationen.

In den arabischen Medien wird oft argumentiert, dass die Al-Azhar sich zwar so darstellt, als würde sie einen „Mittelweg“ im Islam unterstützen, sich aber der Lehrplan der Islamischen Universität – der bekanntesten und angesehensten in der islamischen Welt – den heiligen Texten und Traditionen, die bis in die Anfänge des Islam zurückreichen, widmet. Er umfasst den Koran und den Hadith (die Biographie des Propheten) sowie Kommentare und Interpretationen, die Handlungen und Verhaltensweisen widerspiegeln, die damals die Norm waren, heute aber nicht mehr akzeptabel sind, wie zum Beispiel Aufrufe zum Dschihad und zum Hass auf Nicht-Muslime.

Genau auf der Grundlage dieser Texte beging der Islamische Staat Irak letztlich unter der Führung von Abu Bakr al-Baghdadi barbarische Verbrechen – wie zum Beispiel einen jordanischen Piloten bei lebendigem Leib zu verbrennen, weibliche Gefangene zu vergewaltigen und sie als Sklaven zu verkaufen und sogar in einigen Fällen Menschenfleisch zu essen.

Al-Azhar Gelehrte widerlegen diese Anschuldigungen. Die Texte sind nicht daran schuld, argumentieren sie, werden aber von skrupellosen Individuen und ignoranten Menschen verzerrt. Darüber hinaus seien die Texte auch notwendig, um den Koran zu verstehen, denn ohne sie würde jeder ihn so interpretieren, wie er es für richtig hält. Logik allein sei nicht ausreichend, man müsse sich an die alten Kommentare halten, die die einzige authentische Interpretation widerspiegeln. Eine Änderung des Narrativs falle nicht unter ihre Aufgabe. Ihre einzige Aufgabe sei es, die wahre religiöse Erzählung zu bewahren, „die sie von ihren Vätern gelernt haben“.

Aus heutiger Sicht scheint eine dringend notwendige Reform des Islam nach wie vor unmöglich zu sein. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts westliche Werte in die islamische Welt eindrangen, versuchten einige muslimische Koryphäen der damaligen Zeit, ihre Religion den Notwendigkeiten des modernen Lebens anzupassen. Aber sie scheiterten.

Im zwanzigsten Jahrhundert kam es zu einem starken neuen Trend. Die 1928 gegründete Muslimbruderschaft verjüngte die Salafi-Bewegung und forderte eine Rückkehr zu den Quellen und zur Zeit des Propheten und der Kalifen, um die Macht des Islam gegen den Westen zu maximieren.

Auf diesen Grundsätzen wurden Terrororganisationen wie al-Qaida, der Islamische Staat, Boko Haram und andere gegründet. Sie führten und führen immer noch heftige Kriege, die die muslimische Welt auseinanderreißen und ihr den Weg zum Fortschritt versperren. Es scheint, dass der Dschihad, der Hass auf die anderen und der Hass auf die Juden hier bestehen bleiben werden – es sei denn, ein weiterer unwahrscheinlicher islamischer Frühling würde die lang erwartete Veränderung bringen.

Der Verfasser, ein Fellow des Jerusalem Center for Public Affairs, war früher Botschafter in Rumänien und Ägypten

Quelle: https://www.jpost.com/Middle-East/Analysis-Al-Azhar-and-the-surge-of-Muslim-antisemitism-557735