JMF: Ist Antisemitismus eine psychische Krankheit? von Benjamin Weinthal

Die Beschuldigung des Staates Israel Verbrechen zu verüben resultiert aus einem Prozess der psychologischen Projektion, um  Schuldgefühle hinsichtlich des Holocaust zu verdrängen. Dies hat eine lange beschämende Geschichte in Deutschland nach dem Holocaust.

Zwei jüdische deutsche Philosophen legten Grundlagen für die Behandlung gegenwärtigen Antisemitismus in der Sozialpsychologie- der wissenschaftlichen Untersuchung wie Gedanken, Gefühle und Handlungen des Menschen durch tatsächliche, eingebildete oder implizierte Andere beeinflusst werden.

Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Hortheimer (1895-1973)  formulierten die Theorie des „guilt-defensivenesss antisemitism“ um  die Reaktionen in Deutschland nach dem Holocaust zu erklären.

Diese Theorie erklärt, dass die Schuldgefühle der Deutschen nach dem Holocaust sie dazu verführt die Juden anzugreifen. Einfach gesagt, Deutsche seien in Schuldgefühle verstrickt wegen der Verbrechen verübt bei sich selbst oder ihrer Familienangehörigen und übertragen ihre Schuldgefühle auf die Juden um ihre eigenen Gefühle zu verdrängen.

Eine Studie aus 2017 der deutschen Regierung stellte dar, dass 40 % der Deutschen moderne antisemitische Einstellungen haben, nämlich dem Hass auf den jüdischen Staat. Entsprechend der Studie stimmen diese 40 % von einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionenfolgender Aussage zu: „ Ich kann mir vorstellen, dass aufgrund der Politik Israels Menschen etwas gegen Juden haben“. Es handelt sich um eine psychologische Projektion.

Der jüdisch-deutsche Author und Journalist Henryk M. Broder, der über dieses Phenomen viel veröffentlicht hat, beschrieb die giftige Mischung von pathologischen Holocaust-Schuldgefühlen und dem brennenden Wunsch Israel zu zerstören. In einem Artikel in der „Die Zeit“ schrieb er schon 1981 über die zeitgenössischen Deutschen: „Ihr seid noch immer die Kinder eurer Eltern. Der Jude von heute ist der Staat Israel.“

Das sozial-psychologische Element im zeitgenössischen Antisemitismus ist am Besten an Hand der Bezugnahme auf den Holocaust darstellen. Beispielhaft ist der konsequent antiisraelische Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein, der Israels Politik gegenüber den Terroristen der Hamas mit den Vorgängen in einem KZ verglich. Augstein bezeichnete Gaza mit dem Wort „Lager“ das Assoziationen mit „Konzentrationslager“ nahelegt.

Deniz Yücel, ein prominenter deutsch-türkischer Journalist, der 2017 von der türkischen islamistischen Regierung wegen angeblicher Spionage verurteilt und nach einem Jahr freigelassen wurde schrieb in linksgerichteten deutschen Tageszeitung TAZ: „Augstein beinhaltet alles was gegenwärtigen Antisemitismus definiert, von der manischen Beschäftigung mit Israel als globalen Brandstifter, von der Zuschreibung eines  umfassenden Einflusses Israels (oder die jüdischen Lobby in den USA) auf das Weltgeschehen, zu Vergleichen zwischen der Politik Israels und jener der Nationalsozialisten, bis zur Behauptung die Juden selbst seien antisemitisch und Israel würde vom Holocaust profitieren.“

Yücel wies darauf hin, dass die antisemitische Weltsicht Augsteins ausgedrückt wird „mit der Überzeugung frei von jeglichen antisemitischen Gefühlen zu sein, der Überzeugung dass es aus humanistischen Überzeugungen notwendig wäre Israel zu kritisieren,  vorgebracht wird dies mit der Überzeugung von jemand, der wegen seiner unerwünschten Ansichten verfolgt wird.“

Die Mischung von linken Antisemitismus mit Antisemitismus aus Schuldverdrängung ist ein besonders giftiges Amalgam, weil sich gerade die Linke von jeglichen antisemitischen Gefühlen frei fühlt.

All dies illustriert wie die Theorien von Adorno und Horkheimer auf einen nachgeborener Journalist (Augstein ist Jahrgang 1967) perfekt zutreffen.

Diese Theorie war auf Deutschland zugeschnitten.

Die „Israelkritik“ wurde schon vor längerer Zeit eine nationale Beschäftigung in Deutschland, aber lässt sich auf ganz Westeuropa übertragen. Was motiviert den die intensive, überproportionale Beschäftigung der Medien in Deutschland, die Aufmerksamkeit die dem Israelisch-palästinensischen Territorialkonflikt gewidmet wird im Vergleich zu mehr als 100 anderen Grenzkonflikten in der Welt? Eine neue Generation von Akademikern, Psychologen und Psychiatern wird sich mit dieser Form des Antisemitismus zu beschäftigen haben.

(gekürzte Fassung, auf englisch erschienen in der Jerusalem Post)
https://www.jpost.com/Diaspora/Is-antisemitism-a-psychological-disease-604453