JMF: Gastkommentar „Der Exodus der Juden aus arabischen Staaten“

20.11.2019 um 17:29
von Stephan Grigat

Würde es mit rechten Dingen zugehen, wäre bei jeder Diskussion über den Konflikt Israels mit seinen arabischen Nachbarn nicht nur von jenen etwa 750.000 Palästinensern die Rede, die als Folge des von den Nachbarstaaten Israels vom Zaun gebrochenen Kriegs von 1948 geflohen sind oder vertrieben wurden, sondern stets auch von der Flucht und Vertreibung nahezu aller Juden aus der arabischen Welt.

Doch wer außer einige Spezialisten weiß etwas über die Pogrome im marokkanischen Oujda und Jérada 1948, die in der gerade auf Deutsch erschienenen Studie „Die Juden der arabischen Welt“ des Historikers Georges Bensoussan eine wichtige Rolle spielen? Oder über den Farhud in Bagdad, jenes Pogrom des Jahres 1941, das den Auftakt für das Ende der über zweieinhalbtausend Jahre alten jüdischen Gemeinde im Irak bildete?

Gegenwärtig leben mehrere Millionen Palästinenser, zum Großteil die Nachfahren der rund 750.000 Flüchtlinge des Kriegs von 1948 und des Sechs-Tage-Kriegs von 1967, in Israels Nachbarstaaten. Ihr Flüchtlingsstatus wird auf die nachfolgenden Generationen vererbt, wodurch ihre Zahl bemerkenswerterweise immer größer wird. Im Gegensatz zu den Palästinensern waren die Flucht und Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern nahezu total und standen anders als im Fall der arabischen Flüchtlinge nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit einem Kriegsgeschehen.

Die Zahlen sind erschütternd: Von den über 250.000 marokkanischen Juden sind nur etwa 2000 im Land geblieben. In Tunesien lebten 100.000 Juden, heute sind es 1000. In Ägypten lebten 1948 75.000 und im Irak 135.000 Juden, heute sind es jeweils weniger als 20. Im Jemen waren es etwa 60.000, heute wird ihre Zahl auf 50 geschätzt. Die syrische jüdische Gemeinde wurde von 30.000 auf weniger als 15 dezimiert. In Algerien lebten 1948 140.000 Juden, in Libyen 38.000. In beiden Ländern leben heute überhaupt keine Juden mehr.
Während die palästinensischen Flüchtlinge und ihre Nachkommen bis heute aufgrund der Politik der Regierungen in Damaskus, Amman und Beirut mehrheitlich weiterhin in Flüchtlingslagern ein elendes Leben führen, in den arabischen Staaten massiver Diskriminierung ausgesetzt sind und von Antizionisten zum Propagandamittel gegen den jüdischen Staat degradiert werden, wurden die jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern in Israel integriert – trotz Schwierigkeiten und trotz aller Vorbehalte der aus Europa stammenden Juden gegenüber jenen aus den arabischen Ländern. Das ist einer der Gründe dafür, dass über die eine Gruppe bis heute auf höchster politischer Ebene regelmäßig diskutiert wird, wohingegen die andere nahezu in Vergessenheit geraten ist.
Rückkehrrecht syrischer Juden

Ein anderer Grund ist das antiisraelische Agieren der Vereinten Nationen: Seit 1947 wurden mehr als 170 UN-Resolutionen zum Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge beziehungsweise ihrer Nachkommen verabschiedet. Keine einzige beschäftigt sich mit dem Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern. Und so gut wie niemand fordert ein „Rückkehrrecht“ für die irakischen, jemenitischen, tunesischen, marokkanischen, algerischen, ägyptischen, syrischen und libyschen Juden.
Der Verweis auf die Flucht der Juden aus den arabischen Ländern ist ein Einspruch gegen die weitverbreitete Annahme, der Antisemitismus in den arabischen Ländern sei ein Resultat der Gründung Israels. Die antijüdischen Traditionen in der arabischen und islamischen Welt machen deutlich, inwiefern der arabische und islamische Antisemitismus eine der zentralen Ursachen des Konflikts ist. Die von Historikern wie Bensoussan zusammengetragenen Quellen verdeutlichen, wie es sich auch in den vergleichsweise unblutigen Perioden des jüdisch-muslimischen Zusammenlebens in der arabischen Welt mit seiner im europäischen Diskurs so hochgelobten Tolerierung der Juden als „Schutzbefohlenen“ (dhimmis) um eine Toleranz handelte, die, wie Bensoussan schreibt, „aus Verachtung bestand“.

Für die arabisch-islamische Verachtung von Juden bedurfte es nicht der israelischen Staatsgründung, die mehr als Treibsatz für die Transformation dieser traditionellen Verachtung der jüdischen dhimmis in einen Hass auf die sich selbst zur Souveränität ermächtigenden „Schutzbefohlenen“ fungierte. Die Radikalisierung der arabisch-islamischen Judenfeindschaft setzte vor der israelischen Staatsgründung ein und war in vielen Aspekten eine Reaktion auf die partielle Autoemanzipation der Juden in den arabischen Gesellschaften. Ähnlich wie im europäischen Antisemitismus, aber eingebettet in den Kontext einer anderen religiösen Tradition, wurden Juden in der arabischen Welt als Repräsentanten der Moderne attackiert. Dieser Hass auf die Moderne lässt sich etwa von Sayyid Qutbs programmatischer Schrift „Unser Kampf mit den Juden“ zeigen, oder anhand des algerischen Vordenkers des Islamismus Malek Bennabi, in dessen Schriften auch die innige Verbindung von Juden- und Frauenhass im arabischen Antisemitismus deutlich wird.

Es ist zu hoffen, dass ein realistischer Blick auf die antisemitischen Traditionen in den arabischen Gesellschaften und eine Reflexion über die Geschichte von Diskriminierung, Flucht und Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten in der Diskussion über den Konflikt Israels mit seinen Nachbarn ein besseres Verständnis der Situation ermöglichen. Ein solches könnte perspektivisch einen Beitrag zu einer möglichen Annährung im Nahen Osten leisten. Diese kann letztlich aber nur gelingen, wenn es in den arabischen Gesellschaften zu einer Selbstkritik fundamentalen Ausmaßes kommt.
Die arabischen Gesellschaften haben letztlich die Wahl: Niemand zwingt sie, innere Konflikte mittels des Antisemitismus auf den äußeren Feind Israel zu projizieren, nachdem sie sich durch Flucht und Vertreibung der arabischen Juden um die konkrete Projektionsfläche im Innern gebracht haben. Schon Herbert Marcuse notierte im Vorwort für die hebräische Ausgabe von „Der eindimensionale Mensch“ eine Bedingung für eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern im Nahen Osten, die leider bis heute nicht erfüllt ist: „Nur eine freie arabische Welt kann neben einem freien Israel bestehen.“

Veranstaltungstipp: Buchvorstellung

Der 30. November ist der Gedenktag für die geflohenen und vertriebenen Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran. In der Buchhandlung Singer (Rabensteig 3, 1010 Wien) findet an diesem Abend eine Doppelbuchvorstellung mit den französischen Historikern Georges Bensoussan und Nathan Weinstock statt. Moderation: Florian Markl (Mena-Watch) und Joel Naber.
Ab 19 Uhr, eine Anmeldung unter presse@ca-ira.net ist erforderlich.

Der Autor Stephan Grigat (* 1971) ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien, Dozent für Politikwissenschaft an der Universität Passau sowie Fellow am Moses-Mendelssohn-Zentrum Potsdam und der Universität Haifa.