JMF: Der amerikanische Antisemitismus beim Women‘ s March -Die „weißen Juden“

Von SETH J. FRANTZMAN 26.12.2018

Wer gegenüber der Bezeichnung „weiße Juden“ schweigt, tut nichts, um diesen schleichenden Hass zu stoppen

Vor kurzem zeigte sich bei einer Kontroverse über antijüdische Ansichten beim „Women’s March“ eine neue Form des Antisemitismus, die in amerikanischen Kreisen durchsickert.

„Jetzt setzen sich die Aktivisten des ‚Women’s March‘ damit auseinander, wie sie mit Juden umgehen sollten, und ob sie als privilegierte weiße Amerikaner oder ‚marginalisierte‘ Minderheiten gelten sollten“, schrieb die New York Times kürzlich in einem Artikel. Die Beifügung des Attributs „weiß“ zur Bezeichnung Juden und die Debatten darüber, wie „mit Juden umgegangen werden soll“, als wären Juden Pakete in einem Supermarkt, ist eine Form entmenschlichender Rhetorik. Sie dient dazu, jüdische Menschen in eine binäre Kategorisierung von „weiß/nicht weiß“ zu zwängen und ist derzeit in den Diskussionen in den USA in Mode gekommen.

Die neue giftige Debatte, die vor allem in den Vereinigten Staaten ausgetragen wird, ist so ausgelegt, dass Juden als „weiße Suprematisten“ etikettiert werden. Zum Beispiel berichtet Tamika Mallory, die Anführerin des Women’s March, gegenüber der Times, dass diese Frage bei einem frühen Treffen der Demonstranten angesprochen wurde.

„Seit diesem Gespräch haben wir alle viel darüber gelernt, wie weiße Juden als weiße Menschen die weiße Vorherrschaft bewahren, ALLE Juden werden dabei ins Visier genommen“, sagte sie. Einige Gruppen der extremen Linken haben dieses Konzept sogar begrüßt. Rebecca Vilkomerson hat am 24. Dezember darüber getwittert.

Sie schrieb: „Wir weißen Juden müssen vor allem erkennen, dass das in den Mittelpunkt stellen unseres eigenen Status als Opfer ein Machtzug ist, und auch ein Weg, der Selbstreflexion über unseren relativen Status in einer weißen suprematistischen Welt zu entfliehen.“

In Anbetracht der Geschichte des Antisemitismus ist es besonders interessant, wie Juden heute nicht nur als Begünstigte von weißen Privilegien angesehen werden, weil sie oft als Weiße durchgehen, sondern mittlerweile als Sinnbild für Weiße und als Teil der weißen Suprematie betrachtet werden. Das Konzept des Antisemitismus wurde vom antijüdischen Aktivisten Wilhelm Marr geprägt, der Bedenken gegen die Vorstellung erhob, dass sich Juden in die Gesellschaft Deutschlands assimilieren. Antisemitismus wurde mit der Vorstellung verflochten, dass Juden eine von den weißen Europäern, insbesondere von den Deutschen und Nordeuropäern getrennte „Rasse“ wären. Nun schließt sich der Kreis, und Juden werden nicht nur als Weiße angesehen, sondern sind sogar ein Beispiel für weiße Suprematie.

Wie kann das sein? Nur 70 Jahre nach dem Holocaust werden Menschen, die massenhaft ermordet worden sind, weil sie Nicht-Weiße und Nicht-Europäer waren, jetzt weiße Suprematisten genannt? Das ist Teil einer sorgfältig gesteuerten Agenda in den Vereinigten Staaten, um Juden nicht zu erlauben, an Diskussionen über „Farbige“ oder Rassismus teilzunehmen. Ihre Gründe dafür liegen im Hass auf Juden, der immer darin bestand, den Typus eines allumfassenden „Anderen“ zu schaffen, der entmenschlicht wird, und dann die Bezeichnung „die Juden“ tragen kann. Aus diesem Grund wurden Juden in der europäischen Geschichte gehasst, weil sie keine Christen waren, wurden ihnen Ritualmorde vorgeworfen und sie gezwungen, in Ghettos zu leben oder Städte durch das Tor zu betreten, wo sich die Schweine und das Abwasser befanden. Dann kam die Zeit, in dem sich die Juden assimilierten und weniger religiös waren, so dass sie nicht als religiöses Problem, sondern als ethnisch-rassisches Problem abgestempelt wurden. Orientalische „wandernde Juden“, die Fremde waren. Heute sind Juden in den USA, wo in einigen linken Kreisen die Ansicht vertreten wird, dass „weiß“ zu sein eine Art Beleidigung ist, „weiße Juden“.

Die Bezeichnung „weiße Juden“ ist antijüdisch, weil keine andere Gruppe derselben Beleidigung ausgesetzt ist, zwangsweise in ein falsches Weiß-sein gepresst zu werden. Zum Beispiel unter den fast zwei Milliarden Muslimen, die es gibt, niemand als „weißer Muslim“ bezeichnet. Nur Juden werden als „weiße Juden“ bezeichnet. Wird diese Bezeichnung oft genug verwendet, kann sie Juden entmenschlichen, ihnen ihre Vielfalt nehmen und sie in die „weiße“ Kategorie in Amerika zwängen, die Kategorie, die „Mehrheit“ und „privilegiert“ bedeutet.

Der Verwendung dieser Bezeichnung sollte unbedingt Einhalt geboten werden. Sie dient lediglich dazu, Juden nicht nur zu dem „Anderen“ zu stempeln, sondern gleichzeitig zu einem Mitglied der Mehrheit. „Weiß“ bedeutet in den USA die „Mehrheit“, während „Jude“ der „Andere“ bedeutet. Wenn Juden als „weiß“ bezeichnet werden, ist das ein bewusster Angriff und eine Ausgrenzung dieser einen Gruppe. Es ist auffällig, dass diejenigen, die diese Bezeichnung verwenden, nicht auch von „weißen Muslimen, weißen Hindus oder weißen Katholiken“ sprechen. Es gibt nur eine Gruppe, deren Religion sie mit „weiß“ zusammenbringen wollen. Das Ziel ist, diese Bezeichnung so oft zu verwenden bis das Wort „Jude“ gleichbedeutend mit Weiß ist. Und Sie werden bemerken, dass oft auch „weiße Suprematie“ hinzugefügt wird, bis das Wort „Jude“ in einigen amerikanischen Kreisen gleichbedeutend mit „weißer Suprematie“ sein wird.

Das beraubt die Juden ihrer historischen und wunderbaren Vielfalt. Juden kommen aus dem Jemen, aus Marokko, Irak, Iran, aus der Türkei, Äthiopien, Indien und vielen anderen Orten. Wenn Amerikaner von „weißen Juden“ sprechen, dann wollen sie ihnen diese Vielfalt entreißen und sie auslöschen, bis gar keine jüdische Geschichte mehr existiert. Juden wird heute sogar gesagt, dass sie Diskussionen darüber, dass Juden Opfer von Rassismus sind, nur als Weg sehen, sich „selbst zum Thema zu machen“ oder „das Thema auf sich zu lenken“. Juden sind die einzige Minderheitengruppe in Amerika, der gesagt wird, dass sie ihr Leid nicht zum Thema machen könne und dass sie „weiß“ sei. So wie der im 19. Jahrhundert geprägte Begriff des Antisemitismus dazu geführt hat, dass Juden ihres Menschseins beraubt wurden, ist die Bezeichnung „weiße Juden“ dazu gedacht, sie zu entmenschlichen und Juden in ein monochromes und binäres Rassenkonzept zu packen.

Wer gegenüber der Bezeichnung „weiße Juden“ schweigt, tut nichts, um diesen schleichenden Hass zu stoppen. Es gibt keine weißen Juden. Es gibt Juden. Es gibt weiße Leute. Das eine ist kein Synonym des anderen. Einige Juden scheinen weiß zu sein oder stammen sogar aus Europa. Andere nicht. Es gibt viel mehr Muslime, die als weiß durchgehen könnten, als es Juden gibt. Wer die Bezeichnung „weiße Muslime“ nicht verwendet, darf auch nicht die Bezeichnung „weiße Juden“ verwenden. Und jeder, der die Bezeichnung „weiße Juden“ verwendet, muss sofort mit der Frage konfrontiert werden, warum keine andere Religion als „weiß“ definiert wird.

Quelle: JPost