JMF: András Heislers Rede vor den Premierministern Netanjahu und Orbán

Sehr geehrte Exzellenzen, sehr geehrter Oberbürgermeister von Budapest, sehr geehrter Oberrabbiner von Ungarn, sehr geehrte Rabbiner, verehrte Gäste!

Es ist wahrscheinlich das erste Mal in der Geschichte des ungarischen Judentums, dass unsere Gemeinde heute gleich zwei Premierminister gleichzeitig begrüßen darf. Wir könnten das als „historisches Ereignis“ bezeichnen. Und dieses historische Ereignis findet an einem historischen Ort statt, hier, im Goldmark-Saal. Aufgrund der antijüdischen Gesetze während der Horthy-Ära war der Goldmark-Saal der einzige Ort, wo zwischen 1939 und 1944 jüdische Schauspieler auftreten durften.

In meiner Begrüßungsrede werde ich über die stärkste Brücke zwischen zwei geographisch sehr weit entfernten Ländern sprechen – über die verbindende Rolle des ungarischen Judentums. Unsere Vergangenheit und unsere Zukunft verbinden uns so, wie unsere Liebe zu Ungarn und zu Israel uns verbinden. Heute ist in diesem Raum unsere Geschichte vertreten: Es sitzen hier unter uns hoch angesehene Mitglieder unserer Gemeinde, die Opfer eines unbeschreiblichen, unermesslichen und mörderischen Hasses waren. Sie werden mit uns gemeinsam die Reden der Premierminister von Ungarn und des jüdischen Staates hören.

Sehr geehrte Premierminister, meine 92 Jahre alte Mutter, die Auschwitz überlebte, sitzt direkt hinter Ihnen. Und hier sitzen auch Vertreter der nächsten Generation, die Israel regelmäßig besuchen und dort arbeiten oder studieren. Sie sind diejenigen, die die Verbindung zwischen den beiden Ländern noch weiter entwickeln werden. Unsere Überlebenden und unsere Jugend sind unsere Brücken zwischen den Zeiten und Ländern.

Ungarn, wo Herzl geboren wurde, ist ein verlässlicher Partner Israels. Ungarn war das erste Land in Europa, das sich gegen den Boykott zur Schwächung von Israels Wirtschaft aussprach, indem es nicht bereit war, Produkte aus den umstrittenen Gebieten zu kennzeichnen. Die ungarische Regierung verdeutlichte entsprechend unserem Ansuchen, dass grundsätzliche Bräuche unserer Religion – wie das Recht, Beschneidungen und koscheres Schächten durchzuführen – Teil unserer „Religionsfreiheit“ sind, während manche andere Länder der Europäischen Union diese Bräuche in Frage stellen. Wir arbeiten auch im Bildungsbereich erfolgreich zusammen. Und gemäß den gestrigen Treffen funktioniert auch die kulturelle und wirtschaftliche Kooperation perfekt. Bei unserem letzten Treffen zum „Runden Tisch der jüdischen Gemeinde“ ersuchte ich Ungarn, Jerusalem als die Hauptstadt Israels anzuerkennen – die Stadt, in der alle drei monotheistischen Religionen beheimatet sind. Wollen wir hoffen…

Die größte jüdische Gemeinde Mitteleuropas war für die Freundschaft zwischen Ungarn und Israel immer hilfreich und fördernd. Die ungarisch-israelischen Beziehungen sind in der Tat gut, obwohl es ein paar besorgniserregende Phänomene gibt, die ich ganz aufrichtig ansprechen möchte. Die ungarischen Regierungen zeigten keine klare Haltung zu der Rolle, die Ungarn während des Holocaust spielte, und gegenüber der Verantwortung der Regierung und des Staatsoberhauptes in jener Zeit. 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Restitutionsangelegenheiten der jüdischen Bevölkerung gegenüber immer noch nicht abgeschlossen. Damit würden die von den Gemeinden erlittenen Rechtsverletzungen zwar nicht geheilt, aber es würde helfen, die Unabhängigkeit der Gemeinden wieder herzustellen. 

In Ungarn war es möglich, dass ein kompletter Propagandafeldzug gestartet wurde, dessen Sprache und visuelle Mittel in unseren Köpfen schlimme Erinnerungen aus der Vergangenheit weckten. Über die Absicht der Kampagne lässt sich diskutieren, aber eine Sache war für mich inakzeptabel: Die Juden Ungarns fingen an, in Angst zu leben. Und eine verantwortliche jüdische Führungsperson kann das nicht einfach stillschweigend hinnehmen. Das gilt auch für einen verantwortlichen Regierungschef. Es freut uns, zu wissen, dass die ungarische Regierung uns als ungarische Bürger schützen möchte, aber wir sehen den wirkungsvollsten Schutz in einer ungarischen Gesellschaft ohne Hass. Ich ersuche den Premierminister Ungarns, seinem Land zu helfen, zu einer Gesellschaft zu werden, in der die wahre Macht aus dem gegenseitigen Respekt der gegenseitigen Werte besteht.

Sehr verehrte Premierminister! Sehr geehrte Gäste! Wir möchten stolze ungarische Juden sein, in einem Land, in dem die Bezeichnung „Saujud“ auf keinem Bild mehr erscheinen darf. Die Mehrheit der ungarischen Juden möchte weiter hier leben, hier von den Karpaten umgeben, aber ohne Angst! Unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere geliebte ungarische Sprache binden uns an diesen Ort.

Sehr geehrter Premierminister Netanjahu! Israels Bestreben, die religiöse Anerkennung der in der Diaspora lebenden Juden einzuschränken, ist für unsere Gemeinde sehr schmerzhaft. Unsere Gemeinde hat den Holocaust überlebt und ist ihren Wurzeln während dem repressiven kommunistischen Regime hindurch treu geblieben – aber wir werden nicht als Juden anerkannt? Lassen sich alle Übertritte, Brit-Milahs, Hochzeiten und rabbinischen Entscheidungen, die sich in unseren Gemeinden mit absoluter neologischer Mehrheit ereignen, einfach ignorieren? Wir, die wir in Europa als „Saujuden“ bezeichnet werden, wir, die wir Israels Bemühungen unterstützen, wir, die wir von Israel träumen, warum taugen wir für Israel nicht mehr als Juden?

Auch die Bewertung der jüngsten Poster-Kampagne durch das israelische Außenministerium war für unsere Gemeinde wie eine kalte Dusche. Nach der Unterstützung des israelischen Botschafters hat diese Erklärung des Außenministeriums unsere Gemeinde sehr bedrückt. Viele empfanden es so, als wären wir allein gelassen worden. Und dabei sprechen wir jetzt nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft unserer Gemeinde. Über die Hoffnung, die wir für unsere Zukunft haben, über den Respekt für die jüdische Gemeinde, die ein Impulsgeber in der Beziehung zwischen Ungarn und Israel ist. Sehr geehrter Premierminister Netanjahu, ich möchte Sie höflichst bitten, mehr Respekt für die Diaspora zu wecken. Nur eine starke Diaspora kann Israel helfen, und wir ungarischen Juden wollen helfen.

Sehr geehrte Premierminister, wir möchten als stolze Juden leben und betrachten uns als verantwortungsvolle ungarische Bürger! Wir können nicht einfach schweigen, wenn man sich aufgrund von tagespolitischen Interessen über unsere Werte hinwegsetzt. Wir ungarischen Juden unterstützen Israel. Wir ungarischen Juden helfen der ungarischen Regierung bei all ihren Unternehmungen, die mit unseren Werten übereinstimmen. Wir haben Ungarns Vorsitz bei der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (International Holocaust Remembrance Alliance) unterstützt, wir haben die Regierung verteidigt, als sie von einer internationalen jüdischen Organisation grundlos angegriffen wurde, wir beteiligen uns gerne an gesellschaftsbildenden Projekten und wir setzen uns landesweit für soziale Kohäsion ein. Wir glauben, dass wir das „bisschen Hilfe“, um das der ungarische Premierminister gebeten hatte, immer gegeben haben, und möchten das auch in Zukunft tun.

Sehr geehrte Premierminister, das 140 Jahre alte Rabbinerseminar – die Universität für Jüdische Studien – war die Institution, in der unsere Rabbiner und Rabbiner der Visegrád-Länder jahrzehntelang ausgebildet wurden, auch während des kommunistischen Regimes. Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, diese besondere Einrichtung zu einem regionalen Ausbildungszentrum zu machen, in der die ungarische und die israelische akademische Welt gemeinsame Werte schaffen können. Unsere wichtigste Aufgabe ist die Bewahrung unserer Tradition, Bildung und Ausbildung, und die Schaffung von Werten. Es hat den Anschein, als wäre alles in Ordnung. Viele sprechen von einer jüdischen Renaissance. Tatsächlich kämpfen wir nicht mit der Regierung, nicht gegen Migration und nicht gegen Antisemiten, sondern gegen die Assimilation. Die Frage ist, ob unsere Kinder und Enkelkinder langfristig noch als Juden leben werden. Wir streben nach einem positiven jüdischen gemeinschaftlichen Selbstbild, zu dem ein jüdisches Bewusstsein und ein starkes Israel gehören. Wir sind überzeugt, dass es ein grundlegendes Interesse von Ungarn sowie des Staates Israel ist, das ungarische Judentum der Diaspora nicht zu spalten, es nicht zu entfremden, sondern beim Aufbau unserer Gemeinden zu helfen, damit wir weiter bestehen und die ungarischen und jüdischen Traditionen unserer Vorfahren weiter geben. Wir müssen auch weiter eine Brücke zwischen unseren Ländern bauen! Und wenn wir auf dieser Brücke mit Hindernissen konfrontiert sind, dann ist es, sehr geehrte Premierminister, unsere gemeinsame Verantwortung, sie mit Achtsamkeit zu beseitigen, durch Dialoge und Vernunft, durch ehrliche Aufdeckung der wahren Gründe, und nicht, indem wir sie unter den Teppich kehren. 

Sehr verehrte Premierminister, ich bitte Sie und den Allmächtigen um Hilfe, damit dies erreicht werden kann.

20. Juli 2017

 

Beitrag von Eva S. Balogh

Quelle: http://hungarianspectrum.org/2017/07/20/andras-heislers-speech-in-the-presence-of-prime-ministers-netanyahu-and-orban/