Gedenken dient der Zukunft – IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher bei der Gedenkveranstaltung der Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja

 

Vor  77 Jahren wurden mehr als 4.000 Roma und Sinti im KZ Auschwitz ermordet. Anlässlich dieses Jahrestags am 2. August wird jährlich mit dem »Europäischen Holocaust-Gedenktag für Roma und Sinti der Opfer des Porajmos, dem Genozid an Roma und Sinti, gedacht. Insgesamt wurden rund 500.000 Roma und Sinti von den Nationalsozialisten ermordet. IKG-Präsidentin Claudia Prutscher nahm an der heurigen Gedenkveranstaltung am Ceija-Stojka-Platz in Wien teil und betonte in ihrer Rede unter anderem die Bedeutung des gemeinsamen Gedenkens für eine Zukunft ohne Rassismus.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Studentinnen und Studenten!

Vielen Dank für die Einladung und die Möglichkeit  freue mich heute als Vertreterin der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hier sein zu dürfen.

Erst seit 2015 wird hier am Ceija Stojka-Platz der „Europäische Holocaust-Gedenktag für Roma und Sinti“ begangen und es ist schön zu sehen, dass diesem Gedenken Jahr für Jahr mehr Anerkennung und öffentliche Wahrnehmung wiederfährt. 

Viel zu lange hat es gedauert, bis der Genozid an der Volksgruppe der Roma und Sinti anerkannt wurde. Durch die viel zu späte Anerkennung des Völkermordes von etwa 500.000 Roma und Sinti wurde eine gesamte Generation der Möglichkeit beraubt ihren ermordeten Angehörigen in einem würdevollen Rahmen zu gedenken. Ein Gedenken, dass sowohl der Ehrung der Toten dient, als auch – und vielleicht vor allem – dient dieses Gedenken der Zukunft! 

 Es geht um nichts weniger als um das Bewusstsein dafür, dass Roma und Sinti von den Nationalsozialisten aus einem Grund verfolgt und ermordet wurden: Weil sie Roma und Sinti waren. Es begann nicht in den Gaskammern. Der erste Schritt zur Vernichtung war Rassismus und Ausgrenzung. Es war der Glaube daran, dass es Menschen gibt, die mehr und weniger wert sind. Das war der Beginn der Katastrophe. Und das kann der Beginn einer jeden neuen Katastrophe sein. 

 Ceija Stojka war jahrelang Kämpferin und unermüdliche Zeitzeugin, wenn es in der Öffentlichkeit um die Würdigung der Opfer des Völkermordes an Sinti und Roma ging.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass der von ihr begonnene Weg heute von einer Vielzahl an mutigen, jungen Romnja weitergeführt wird. Junge Menschen, die das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuen, zu ihren Wurzeln und Traditionen stehen und ihre Identität und Herkunft nicht verstecken – oder vielleicht auch wegen der geleisteten Vorarbeit von Ceija Stojka – nicht mehr verstecken müssen.

Es muss uns gelingen in der Verantwortung zur Erinnerung an den Genozid gemeinsam zur Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit beizutragen. Denn nur so können wir Antiziganismus und den dadurch entstehenden Verschwörungsmythen und Diffamierungen entschlossen entgegen treten. Nur so kann eine Basis für eine echte Gleichbehandlung in Gesellschaft und Politik geschaffen werden.

 Es ist für unsere beiden Gemeinschaften wichtig, dass unsere Nachkommen in einem Land aufwachsen, in dem es weder eines Antisemitismus- noch eines Antiziganismus-Berichtes bedarf und sie ein wertschätzendes Miteinander erleben dürfen. Nicht als Mitbürger, sondern als Bürgerinnen und Bürger, die durch Vielfalt die gesamte Gesellschaft bereichern.