Respekt erweisen – Tausende Nachfahren von NS-Opfern haben seit Herbst 2020 die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt bekommen

Am 1. September 2020 trat die im Herbst 2019 einstimmig beschlossene Novellenänderung in Kraft, die nun seit genau einem Jahr für Nachkommen von Opfern des NS-Regimes einen erleichterten Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft ermöglicht.

 

„Die Restituierung der österreichischen Staatsbürgerschaft ist ein historischer Brückenschlag der Republik zu den aus Österreich vertriebenen Opfern des Nationalsozialismus und deren Familien. Wir freuen uns, dass sich so viele Nachkommen von NS-Verfolgten entschieden haben, Österreicherinnen und Österreicher zu werden und die Kultusgemeinde diese gemeinsam mit den Stellen des Bundes und der Stadt Wien unterstützen kann.“

IKG-Präsident Oskar Deutsch

 

Die neue Regelung (§ 58c Abs. 1a StbG) ermöglicht den Nachkommen von Opfern des NS-Regimes die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten, ohne dafür ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben oder einen Aufenthalt in Österreich vorweisen zu müssen. Zusätzlich wurde die bereits bestehende erleichterte Einbürgerung für im NS-Regime vertriebene StaatsbürgerInnen Österreichs auf Staatsangehörige der Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie sowie Staatenlose ausgeweitet.

Seither  begleiten die Stadt Wien (MA 35 – Einwanderung und Staatsbürgerschaft), die Bundesministerien BMI und BMEIA, die Israelitische Kultusgemeinde Wien sowie der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam diesen Prozess.

Tausende Nachfahren von NS-Opfern in aller Welt haben seit vergangenem Herbst die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt bekommen. Wie die zuständige Magistratsabteilung 35 der Stadt Wien der APA auf Anfrage mittelte, seien mit Ende April 4.621 Verfahren „positiv abgeschlossen“ worden. Davon hätten 1.241 Personen die Staatsbürgerschaft formal erhalten. Es habe lediglich elf negative Bescheide gegeben.

Dabei handle es sich nicht nur um eine „symbolische Geste“, betonte Wiederkehr.

„Es war ein wichtiger und längst überfälliger Schritt jenen Personen, deren Angehörige aus Österreich aufgrund des NS-Regimes fliehen mussten, die Möglichkeit auf eine österreichische Staatsbürgerschaft einzuräumen. Dieses Kapitel in unserer Geschichte darf nicht vergessen werden und Österreich hat hier seine historische Verantwortung. Es ist wichtig, den Vertriebenen und ihren Nachkommen endlich jenen Respekt zu erweisen, den sie verdienen und ihnen den Schritt zurück in ihre leider gewaltvoll geraubte Heimat zu erleichtern.“

Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr

 

Auch die Zahlen des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten zeichnen ein ähnliches Bild. Generalsekretär Peter Launsky: “In den letzten 12 Monaten haben uns fast 17.000 Interessenbekundungen vor allem an den Vertretungsbehörden in Israel, den USA und dem Vereinigten Königreich erreicht. Jede einzelne ist verbunden mit einer persönlichen, berührenden Geschichte. Es ist schön zu sehen, wie wir als Außenministerium in enger Kooperation mit unseren Partnern einen Beitrag dazu leisten können, dass die Nachkommen von Verfolgten des NS-Regimes ihre Verbundenheit zu Österreich aufleben lassen.”

Erst im Sommer dieses Jahres fand eine bewegende Feierstunde im österreichischen Generalkonsulat in New York statt, bei der unter anderem der 92-jährigen Holocaust-Überlebenden Evelyn Konrad und fünf Nachfahren von Opfern des NS-Regimes die österreichische Staatsbürgerschaft von Bundeskanzler Sebastian Kurz persönlich überreicht wurde.

 

 

 

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