Der Mythos von Israels demographischer Katastrophe

Israels Kritiker instrumentalisieren gerne jüdische Ängste und Befürchtungen als extremsten Ausweg zu Holocaust-Umkehrungen, Boykotten, schwarzen Listen und anderen ausgrenzenden Methoden, die Erinnerungen an Europas antisemitische Vergangenheit wecken. Und Außenminister John Kerry verweist gerne auf die Gefahr von Israels demographischen Problem.

Eine Sensibilität in dieser Sache trat in Israel in den späten 1960er Jahren hervor, als viele dachten, dass die israelische Herrschaft über den neu gewonnenen Gazastreifen und die West Bank aufgrund einer sehr viel höheren Geburtenrate der Palästinenser unhaltbar wäre. Würde Israel beschließen, die Gebiete zu annektieren, müsste es entweder die dortigen palästinensischen Bewohner entrechten, wodurch Israel undemokratisch werden würde, oder das Wahlrecht ausweiten und zusehen, wie die jüdische Mehrheit Israels zu einer Minderheit wird. Der gängigen Meinung gemäß müsste Israel, um sowohl demokratisch und ein jüdischer Staat zu bleiben, die Gebiete aufgeben. „Der Mutterleib der arabischen Frau“ sei laut dem berühmten Ausspruch des Palästinenserführers Jassir Arafats seine „beste Waffe“.

Schnellvorlauf auf fünf Jahrzehnte später: Gemäß dem Palästinensischen Zentralamt für Statistik (PCBS) stimmt die Anzahl der in der West Bank, in Gaza und Ost-Jerusalem (4,62 Millionen) und in Israel (1,68 Millionen) lebenden (nicht-jüdischen) Araber erstmals mit der Anzahl an Juden (6,3 Millionen) überein. Wird die immer noch höhere palästinensische Geburtenrate mitberücksichtigt, wie sie im September 2016 von einer pro-palästinensischen Gruppe fein säuberlich in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times dargestellt wurde, könnte der Anteil der jüdischen Bevölkerung bei der Gebietserweiterung „vom Mittelmeer bis zum Jordan“ im Jahr 2030 voraussichtlich auf 44 Prozent sinken.

In seinem Drang, Israel Zugeständnisse abringen zu wollen, die seiner Meinung nach die israelisch-palästinensische diplomatische Blockade auflösen könnten, warnte Außenminister Kerry wiederholt vor einer demographischen Endzeit für Israel. „Wie könnte Israel seine Eigenschaft als jüdischer und demokratischer Staat bewahren, wenn es vom Fluss bis zum Meer nicht einmal eine jüdische Mehrheit geben würde?“ – warnte er vergangenen Dezember. Kerry behauptet, dass Israel „keine Zeit mehr bleibe“, indem er unterstellt, dass die Araber, sowie sie die absolute Mehrheit darstellen, noch viel weniger bereit wären, einen jüdischen Staat als Teil des ehemaligen palästinensischen Mandats zu akzeptieren und stattdessen zu ihrer Forderung nach einer „Ein-Staaten“-Lösung zurückkehren würden. Israel würde darauf hinauslaufen, „entweder ein Apartheid-Staat mit Bürgern zweiter Klasse zu sein, oder (…) ein Staat, der seine Fähigkeit zerstört, ein jüdischer Staat zu sein“.

Aber die Zeit läuft nicht aus – zumindest nicht für Israel. Es gibt drei große Probleme mit diesem Argument einer demographischen endzeitlichen Katastrophe des Verlustes einer jüdischen Mehrheit.

Die gemeinsame Quote von Juden und Nicht-Juden in Israel, in der West Bank und Gaza spielt keine Rolle.

Zunächst mal ist die zentrale Prämisse, die diesem Argument zugrunde liegt – die gemeinsame Quote von Juden und Nicht-Juden in Israel, der West Bank und Gaza – lächerlich obsolet. Es gibt keinen Grund dafür, Gaza in die Berechnung mit einzuschließen, ebensowenig wie man den Libanon oder Jordanien mit einschließen würde. Die israelische Besatzung in Gaza fand vor einem Jahrzehnt ein Ende, und den dortigen 1,6 Millionen Einwohner stünde es ziemlich frei, ihre eigene Zukunft selbst zu bestimmen, wenn es da nicht die brutale Herrschaft ihres eigenen hausgemachten islamistischen Regimes gäbe. Tatsächlich leben auch die meisten Palästinenser in der West Bank in Selbstregierungsgebieten, die Israel effektiv aufgegeben hat und nicht regieren möchte.

Die eigentliche Frage ist also nicht, was passiert, wenn Israel plötzlich alle Gebiete annektieren würde, in denen Palästinenser en masse leben, sondern was passieren würde, wenn es nur an Gebieten festhält, die die meisten Israelis wollen und die leicht verteidigt werden könnten? Derzeit sind rund 80 Prozent der israelischen Bürger Juden, und es gibt keinen Grund dafür anzunehmen, dass diese Zahl durch die Umsetzung eines Abkommens zum endgültigen Status beträchtlich beeinflusst werden würde.

Die PA bläht palästinensische Bevölkerungsschätzungen und -vorausberechnungen absichtlich auf.

Das zweite Problem mit Kerrys Warnung ist, dass die vielzitierten offiziellen Schätzungen und Vorausberechnungen des PCBS hinsichtlich des Wachstums der arabischen Bevölkerung absichtlich aufgebläht wurden, um die Verhandlungsposition der PA zu verbessern und sich für mehr ausländische Hilfe zu qualifizieren. Der ehemalige israelische Konsul Yoram Ettinger fand heraus, dass die Zahlen der PA unter anderem dadurch aufgebläht wurden, dass sie auch rund 400.000 Palästinenser umfassen, die ein Jahr oder länger im Ausland leben – und von denen ein Großteil nach Möglichkeit nicht zurückkommen wird – sowie rund 100.000 Kinder, die im Ausland geboren wurden (detto).

Drittens scheint Kerry unbekümmert ahnungslos darüber zu sein, dass die Geburtenrate der israelischen Juden, die in den 1990er Jahren auf 2,6 gesunken war, in den vergangenen Jahren beständig angestiegen ist und 2015 mit 3,1 den gleichen Wert wie die israelischen Araber erreichte – während die palästinensische Geburtenrate beständig auf 3,7 zurückgegangen ist. Mit der höchsten Geburtenrate der Industrienationen und mit einer erheblichen jüdischen Zuwanderung, die das Ranking der israelischen Juden noch ergänzt, laufen selbige nicht Gefahr, in der absehbaren Zukunft zu einer Minderheit zu werden.

Es ist bedauerlich für Außenminister Kerry, aber die meisten Israelis sind sich bewusst, dass die Zeit für Israels Zukunft als demokratischer jüdischer Staat nicht ausläuft. Es besteht sehr wohl ein demokratischer jüdischer Staat und er läuft einwandfrei. Bei all den lautstarken Verurteilungen Israels auf westlichen Universitätscampussen sind die diplomatischen Beziehungen Israels stärker denn je, sogar in der arabischen Welt, und Israels internationaler Handel expandiert beträchtlich. Es ist schon schwer, diese gute Stimmung zu ruinieren. Die meisten Israelis kümmert es kaum, ob die Bewohner von Gaza oder der West Bank beschließen, im Vergleich zu den Bewohnern von Tel Aviv etwas größere Familien zu haben.

Wenn John Kerry wieder und wieder verkündet, dass Israel „keine Zeit bleibt“, kommuniziert er eigentlich den Palästinensern, dass sie einfach weiterhin nicht bereit für einen Kompromiss zu sein brauchen, und der so gefürchtete jüdische Staat von nebenan bald aufhören wird zu bestehen.

Wenn der nächste Außenminister Frieden zwischen den Israelis und den Palästinensern schaffen möchte, sollte er besser auf deren Hoffnungen appellieren und nicht auf deren Ängste.

http://www.meforum.org/6421/the-myth-of-israel-demographic-doomsday