2020 um 6,4 Prozent mehr
antisemitische Vorfälle gemeldet

Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien präsentiert Jahresbericht 2020

Gemeldete antisemitische Vorfälle 2020

2020 wurden um 6,4 % mehr Vorfälle gemeldet als 2019.
Das sind „um 585 antisemitische Vorfälle zu viel“, sagte IKG-Präsident Oskar Deutsch.

Insgesamt gingen bei der Antisemitismus-Meldestelle der IKG im Vorjahr 585 Meldungen ein. Das sei „ein Negativrekord“, wie IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele in dem Montag Abend präsentierten Bericht der Meldestelle betont, oder wie es IKG-Präsident Oskar Deutsch formuliert: „Um 585 antisemitische Vorfälle zu viel“. Die Statistik mache den Antisemitismus und seine Dimensionen teilweise sichtbar, unterstreicht Deutsch in dem Bericht. „Entscheidend ist, welche Konsequenzen unsere Gesellschaft daraus zieht. Es legt an jedem und jeder Einzelnen, einen antisemitischen Witz im Internet, eine Verschwörungslüge auf einer Demo oder in einer Schulklasse nicht hinzunehmen, sondern dagegen aufzutreten.“ Von Alexia Weiss

Was aus 2020 noch länger in Erinnerung bleiben wird: zunächst der Angriff auf den Präsidenten der IKG Graz, Elie Rosen, im Sommer und dann der Anschlag in der und rund um die Seitenstettengasse, bei dem vier Personen getötet und 23 weitere teils schwer verletzt wurden. Über die Motivation des Täters hielten sich die Ermittler bisher bedeckt. In dem Bericht der Meldestelle ist nun dazu zu lesen: „ Den Sicherheitsbehörden zufolge ist davon auszugehen, dass die jüdische Gemeinde ebenfalls ein Ziel des Attentäters war; dass er hierbei nicht erfolgreich war, ist dem Umstand zu verdanken, dass die Räumlichkeiten der IKG (Synagoge, Büros, Buchhandlung) zum Zeitpunkt des Anschlags bereits geschlossen waren, sowie das dem Gebäudekomplex angeschlossene Restaurant an jenem Abend infolge einer kurzfristigen Stornierung einer Reservierung nicht geöffnet hatte.“ Gegen Ende des Jahres verstörte in Wien auch ein Angriff auf einen Rabbiner auf offener Straße, dem niemand der Umstehenden zu Hilfe eilte. Was sich 2020 zudem bemerkbar machte, war jener Antisemitismus, der im Zug der Corona-Pandemie in Form von Verschwörungsmythen, aber auch unpassenden Vergleichen mit der NS-Zeit hochkam.

Als Grundlage für ihre Arbeit verwendet die Antisemitismus-Meldestelle der IKG die Antisemitismus-Definition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance). Bei der Kategorisierung der Vorfälle orientiert man sich an der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Deutschland und dem Community Security Trust (CST) in England. Die Verwendung international anerkannter Standards soll auch eine internationale Vergleichbarkeit gewährleisten. Erfasst werden Vorfälle, die gemeldet werden – das Plus an gemeldeten Vorfällen kann daher auch der zunehmenden Bekanntheit der Meldestelle geschuldet sein. In dem Bericht wird auch betont, es handle sich um „keine gesamthafte Darstellung des Antisemitismus in Österreich“. Allerdings erhöhte sich die Anzahl der physischen Angriffe von sechs im Jahr 2019 auf elf im Jahr 2020, in diesem Bereich ist eine Erhöhung immer ein Alarmzeichen.

Gemeldete antisemitische Vorfälle 2008-2020

Auf welche Kategorien verteilten sich nun die 585 gemeldeten Vorfälle? Die elf Angriffe machten zwei Prozent der Vorfälle aus. Beim Gros der Meldungen handelte es sich um verletzendes Verhalten (364 Fälle, 62 Prozent der Meldungen) – darunter wurden antisemitische Beschimpfungen, Äußerungen, Kommentare und Botschaften zusammengefasst, die von Angesicht zu Angesicht, telefonisch oder schriftlich in E-Mails, Briefen oder in Online-Medien erfolgten. In 53 Fällen (neun Prozent) lag eine Sachbeschädigung vor, in 135 Fällen (23 Prozent) handelte es sich um Massenzuschriften (das sind Inhalte, die an mindestens zwei Adressaten gerichtet sind oder aber etwa online oder analog in Blogs, Zeitungen veröffentlicht werden). Bedrohung lag in 22 Fällen (vier Prozent) vor. Zum Vergleich: In Großbritannien wurden 2020 1.668 Vorfälle gemeldet, dabei gab es 100 Angriffe (sechs Prozent). RIAS verzeichnete 1.004 Meldungen, hier wurden 17 Angriffe (zwei Prozent der Meldungen) registriert.

„Antisemitismus ist ein Angriff auf die Menschenrechte –
kein Vorfall ist zu unwichtig, als dass er nicht
gemeldet werden sollte.“ Katharina von Schnurbein

Eine Frage, die beim Auftreten von Antisemitismus gerne gestellt wird, ist jene nach dem Hintergrund. Sieht man sich die 585 in Österreich für 2020 gemeldeten Fälle nach dem ideologischen Hintergrund an, ergibt sich folgendes Bild: 229 konnten dem rechten Spektrum zugeordnet werden (konkret laut Bericht „der politischen beziehungsweise der gesellschaftspolitischen Rechten, dem Rechtsextremismus sowie dem (Neo-)Nazismus). In 87 Fällen erfolgte eine Einordnung zu „links“ (alle Vorfälle, „welche der politischen sowie gesellschaftspolitischen Linken und dem Linksextremismus mit all seinen Spielformen, zum Beispiel der antisemitischen BDS-Bewegung und antiimperialistischen Gruppierungen, zugerechnet werden konnten“). 74 Vorfälle wurden als mit muslimischen Hintergrund eingestuft („Vorfälle, die von Personen oder Organisationen verursacht wurden, die weltanschaulich beziehungsweise religiös dem Islamismus zuzuordnen sind“). Sieht man sich aber etwa nur die tätlichen Angriffe an, hatten fünf einen muslimischen Hintergrund, zwei einen rechten, in vier Fällen war die Motivation nicht zuordenbar. Bei den Sachbeschädigungen wiederum dominierte der rechte Hintergrund (31 Fälle), 14 Taten waren hier links motiviert, drei muslimisch.

„Egal ob er von links oder von rechts kommt, ob er autochthon
oder importiert ist. Entscheidend ist, dass alle an einem Strang
ziehen und sämtlichen Erscheinungsformen dieses Hasses
entschieden entgegentreten.“ Karoline Edtstadler

Die Ersteller des Berichts haben sich zudem entschieden, weitere Subkategorien einzuführen, um das Wesen des Antisemitismus, der 2020 zu Tage trat, noch besser erfassen zu können. Demnach wiesen 42 der Fälle einen Coronabezug auf. Hier stachen beispielsweise unpassende Vergleiche ins Auge. So machte auf Social Media ein Meme die Runde, in dem die bekannte Inschrift am Tor des Konzentrationslagers Auschwitz umformuliert wurde in „Impfen macht frei“. Weiteres Beispiel war hier das Tragen oder Posten des NS-„Judensterns“, in den „nicht geimpft“ geschrieben wurde. In 15 Fällen wurden antisemitische Verschwörungsmythen propagiert. 51 Mal wurde die Schoa geleugnet oder relativiert. In 125 Fällen lag Israel-bezogener Antisemitismus vor.

Positiv vermerkt der Bericht an mehreren Stellen die nun von der österreichischen Regierung verabschiedete Nationale Strategie gegen Antisemitismus. Entscheidend sei, dass alle hier an einem Strang ziehen würden, wird in dem Bericht die zuständige Verfassungsministerin Karoline Edtstadler zitiert. Um gegen Antisemitismus ankämpfen zu können, brauche es eine Erfassung und Sichtbarmachung antisemitischer Vorfälle. „Der Meldestelle der IKG Wien kommt somit eine entscheidende Rolle zu. Sie ist ein wesentliches Werkzeug in der Bekämpfung dieser so resistenten Diskriminierungsform.“

Der Kampf gegen Antisemitismus muss und wird unsergemeinsames
Anliegen sein und wir werden dabei Erfolg
haben!
Peter Florianschütz

Katharina von Schnurbein, die im Auftrag der EU-Kommission für Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens verantwortlich zeichnet, bezeichnet Antisemitismus in dem Bericht als einen „Angriff auf die Menschenrechte“. Sie gibt darin zudem zu bedenken, dass laut einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur in Österreich 71 Prozent der antisemitischen Vorfälle nicht gemeldet würden. Als Gründe dafür wurden angeführt: dass sich ohnehin nichts ändern würde, dass der Vorfall nicht schlimm genug gewesen sei, dass es zu mühsam wäre, Anzeige zu erstatten. Sie appelliert daher an Betroffene:

„Kein Vorfall ist zu unwichtig, als dass er nicht gemeldet
werden sollte. Das gilt übrigens auch für Vorfälle, die sich
online ereignen.“ Katharina von Schnurbein

IKG-Präsident Deutsch betont zudem in dem Report: Der Kampf gegen Antijudaismus sei keine primäre Aufgabe der Kultusgemeinde. „Aber wir sind in der Regel die ersten Betroffenen, diejenigen, die den Antisemitismus hautnah zu spüren bekommen.“  Deshalb sei es auch eine wichtige Aufgabe der Meldestelle, jene Menschen, die Antisemitismus erlebt haben, zu betreuen. Das unterstreicht auch IKG-Generalsekretär Nägele: „Neben der bloßen Erfassung von Vorfällen dient die Meldestelle einer noch viel wichtigeren und übergeordneten Aufgabe: Den Betroffenen von antisemitischen Vorfällen vertrauensvoll, individuell und bestmöglich Unterstützung zu bieten.“

Antisemitismus-Meldestelle der IKG

www.antisemitismus-meldestelle.at  | +43 (1) 531 04 – 777

Bei Gefahr in Verzug rufen Sie die Polizei unter 133 und
die IKG-Sicherheitszentrale unter +43 (1) 369 85 26.