150
Jahre IKG
Rede von Ariel Muzicant anlässlich des 150 jährigen
Bestehens der IKG Wien
50
Jahre IKG
Die
Stellung der Juden in Österreich in den letzten Jahren 1849-1899
erschienen in: Dr. Blochs
Wochenschrift, 1899
| Kurzer historischer Überblick 1824
wird auf Fürsprache von Michael Lazar Biedermann der Rabbiner
Isak Noa Mannheimer nach Wien geholt. Da es offiziell keine Gemeinde
gibt, wird er als "Direktor der Wiener kaiserlich-königlich genehmigten
öffentlichen israelitischen Religionsschule" angestellt. Am 12. Dezember 1825 erfolgt die Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels durch Mannheimer, und am 9. April 1826 wurde die Synagoge in der Seitenstettengasse 4 von ihm eingeweiht. Die Synagoge wurde nach den Planen von Josef Kornhäusel errichtet und den damaligen Bauvorschriften folgend in ein Wohnhaus integriert - ein Umstand, der die Zerstörung im November 1938 verhinderte. Damit gelang es den Wiener Juden erstmals seit der Vertreibung von 1670, wieder ein geistiges und religiöses Zentrum zu errichten, das Synagoge, Schule und rituelles Bad vereinigte. 1826 wird auch Salomon Sulzer an den neuen Wiener Stadttempel berufen, wo er 56 Jahre lang das Amt des Oberkantors innehat. Parallel zu Mannheimers gemäßigter Reform des Ritus gab Sulzer auch dem synagogalen Gesang eine neue, an die Zeit angepaßte Form, ohne den jüdischen Charakter der synagogalen Tonkunst preiszugeben. Mannheimer und Sulzer gelten somit als Begründer einer Gebetstradition, die als "Wiener Nussach" in die Welt hinausging. Die bürgerliche Revolution von 1848 war für viele jüdische Intellektuelle der willkommene Anlaß, sich im Rahmen der revolutionären Bewegung für die Emanzipation der Juden zu engagieren. Im Gefolge dieser Ereignisse kam es dann 1849 zu jener denkwürdigen Begegnung mit dem jungen Kaiser. Es dauerte drei weitere Jahre, bis 1852 die "provisorischen Statuten" der Wiener Gemeinde genehmigt werden. Damit gewinnt die Gemeinde ihre dauernde Autonomie zur Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und in Kultusfragen. Erster Präsident (bis 1863) war Leopold von Wertheimstein. 1856 wird Adolf Jelinek als zweiter Prediger neben Mannheimer nach Wien berufen. 1858 erfolgt die Einweihung des Leopoldstädter Tempels, der nach Plänen von Ludwig Förster erbaut wurde. 1867 werden durch das Staatsgrundgesetz die Juden erstmals in ihrer Geschichte in Österreich als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt. Die Jüdische Gemeinde wuchs als Folge dieser Entwicklungen sehr rasch: Registrierte die Kultusgemeinde in Wien 1860 6.200 jüdische Einwohner, so waren es 1870 bereits 40.200 und zur Jahrhundertwende 147.000, die neue Chancen in der Reichshaupt- und Residenzstadt suchten. 1872 kommt es nach Annahme einer Reform des Kultus durch liberal fortschrittliche Kräfte unter der Führung Ignaz Kurandas zum "Kultusstreit". Die Orthodoxen unter der Führung des Rabbiners Salomon Spitzer wollen aus der Gemeinde ausscheiden. Durch einen Kompromiß kann die Spaltung der Gemeinde verhindert werden. Im gleichen Jahr wird eine herausragendes Beispiel jüdischen Philantropentums in Wien eröffnet: Das Rothschildspital. 1886 erfolgt die Gründung der "Österreichisch-Israelitischen Union" durch Rabbiner Bloch, die sich zum Ziel gesetzt hat, die politischen Rechte der Juden zu verteidigen, das jüdische Bildungswesen zu verbessern und den Stolz der Juden auf ihre eigene Identität zu fördern. 1890 stellt das "Israelitengesetz" das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage. 1918 wird Zwi Perez Chajes Oberrabbiner. Er ist ein Vertreter des Nationaljudentums, steht aber trotz seiner säkularen Bildung dem Ostjudentum nahe. Chajes ist auch Gründer des ersten jüdischen Gymnasiums und des jüdischen Pädagogiums in Wien. Als Würdigung seiner Leistungen wurde das 1984 wiedereröffnete jüdische Gymnasium nach ihm benannt.
Einen Höhepunkt erreichen diese Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938: Als Ausbruch des "spontanen Volkszorns gegen die Juden" von den Nationalsozialisten inszeniert, werden in dieser Nacht alle Wiener Synagogen und Bethäuser vernichtet - einzig der Stadttempel wurde nicht vollständig zerstört, da er sich in einem Wohnhaus befindet. Ein großer Teil der jüdischen Geschäfte wird geplündert und dann geschlossen, über 6.000 Juden werden in dieser Nacht verhaftet und zum Großteil in den folgenden Tagen ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, ehe man sich Österreich zu einer klaren Position über den Anteil der Schuld des Landes an den Greueln des Dritten Reichs durchdringen kann. Kaum jemand findet es der Mühe wert, die "Emigranten" zur Rückkehr in ihre Heimatstadt einzuladen. Erst in den 1980er Jahren setzt langsam ein Umdenken ein, das den historischen Faktizitäten Rechnung trägt und zur Stellungnahme der österreichischen Bundesregierung im Juli 1991 führt, als Bundeskanzler Vranitzky vor dem Parlament erstmals ausdrücklich auf die Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen des Dritten Reichs eingeht. Unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen hat es die Kultusgemeinde nicht einfach, ein Gemeindeleben neu aufzubauen: Die Mehrheit der von den Nazis vertriebenen Juden will nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in ihre alte Heimat zurückkehren und die Wiener Jüdische Gemeinde bleibt klein: Zählte sie vor 1938 noch über 185.000 Mitglieder, so sind Ende der 1990er Jahre wenig mehr als 7.000 bei der Kultusgemeinde als Mitglieder registriert. Viele sind erst in den letzten Jahrzehnten als Flüchtlinge nach Wien gekommen und haben hier ein neues Leben begonnen.
Sichtbare Lebenszeichen der kleinen, aber sehr vitalen jüdischen Gemeinde Wiens sind neben dem Wiener Stadttempel, der 1963 nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder eröffnet werden konnte, das 1972 errichtete "Sanatorium Maimonides-Zentrum" in der Bauernfeldgasse, die im September 1984 wiedereröffnete "Zwi-Perez-Chajes-Schule", die 1986 von der Ronald S. Lauder-Stiftung geförderte "Beth-Chabad-Schule" sowie weitere Schul- und Bildungseinrichtungen, die vor allem im letzten Jahrzehnt errichtet wurden. Seit rund zwei Jahren gibt es in der Tempelgasse, wo bis 1938 der Leopoldstädter Tempel gestanden ist, ein neues jüdisches Zentrum, in dem unter anderem auch das psycho-soziale Betreuungszentrum von ESRA untergebracht ist. Und 500 Jahre nach der ersten Gründung, rund 60 Jahre nach der Vernichtung gibt es auch wieder eine Sefardische Gemeinde in Wien, die sich im Mai 1992 im 2. Bezirk mit einer Synagoge, und Veranstaltungsräumen etabliert hat.
War 1863 Leopold von Wertheimstein der erste Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), so prägten in der jüngeren Vergangenheit die Präsidenten Dr. Ivan Hacker, Paul Grosz und Dr. Ariel Muzicant den Weg der IKG. HR Dr. Hacker und HR Grosz, der erst unlängst von Bürgermeister Michael Häupl mit der Bürgerurkunde ausgezeichnet wurde, gelten als Repräsentanten des Schicksals der Wiener Juden. Sie führten zwischen 1982 und 1998 die Geschicke der IKG. Er kämpfte für den Abbau von Intoleranz und antisemitischen Vorurteilen sowie für die Verbesserung der Beziehungen mit der nichtjüdischen Öffentlichkeit und mit anderen Religionsgemeinschaften. Sein Nachfolger Dr. Ariel Muzicant, ist der erste Präsident der IKG, der nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Er steht für die Fortsetzung des Kurses seines Vorgängers. Einer seiner Erfolge war die Anregung für die Einrichtung der Historikerkommission.
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