Radio / Fernsehen

Da capo: Im Gespräch. Renata Schmidtkunz mit Topsy Küppers
Radio Ö1, 03.07.2015, 16:00

“Ich bin eine konsequente Einzelgängerin”. So heißt sie eben – Topsy. Kein Künstlername. Die Namensgleichheit mit dem kleinen unartigen Mädchen aus dem Roman “Onkel Toms Hütte” ist Zufall. Topsy Küppers, eine Diseuse, eine Künstlerin des Kabaretts, des Chansons, der Texte. Topsy Küppers, eine Buchautorin und Filmemacherin, eine Performerin bis zum heutigen Tage.
Das sind die Ingredienzien, aus denen die Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Regisseurin, Buchautorin und Impresaria Topsy Küppers gemacht ist: Temperament, Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß, Erotik und Esprit. Sagen ihre Freunde. Wer es nicht glaubt, möge der 83-Jährigen selbst begegnen: Sie ist voller Energie und Lebenskraft, sieht blendend aus und wirbelt in aller Freundlichkeit gerne Dinge durcheinander und verrückte Meinungen zurecht.
Geboren wurde Topsy Küppers im August 1931 in Aachen. Sie war ein Kleinkind als sich die Mutter vom Vater trennte, dessen Spur sich verlor. Eine holländische Familie versteckte Mutter, Großmutter und die kleine Topsy. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft gibt es für sie nur einen Traum, und der wird auch verwirklicht: die Schauspielerei. Die deutsche Bühnen- und Filmschauspielerin, Kabarettistin, Chansonsängerin, Soubrette und Operettensängerin Trude Hesterberg war ihre große Lehrerin, die ihr – wie Küppers sagt – alles über das Chansonsingen beibrachte. Erste Engagements folgen, unter anderem an den Münchener Kammerspielen, am Staatsschauspiel München unter Fritz Kortner und beim neuen deutschen Kinofilm der 1950-er Jahre.
1958 heiratet sie den aus Wien stammenden Komponisten und Kabarettisten Georg Kreisler, der die Nazi-Herrschaft als Filmkomponist – unter anderem für Charly Chaplin – in den USA verbrachte. Die Lebens- und Bühnengemeinschaft endet nach 17 Jahren, die zwei Kinder Alexander und Sandra pendeln zwischen Wien und Berlin, wo der Vater nun wohnt, bevor er in die Schweiz zieht.
1976 gründet Küppers mit viel Schwung ein eigenes Theater in Wien: die FREIE BÜHNE WIEDEN, untergebracht in einem ehemaligen SPÖ-Parteilokal im 4. Wiener Gemeindebezirk. 25 Jahren lang hält sie sehr erfolgreich die Stellung, die “Prinzipalin” wird “Urwienerin”, die Kabarett-Programme schreibt sie größtenteils selbst, jüdische Themen und die Wiederaufführung exilierter Schriftsteller sind ihr ein Herzensanliegen. Daneben macht sie Filme, tritt als Diseuse auf, arbeitet fürs Fernsehen, schreibt erfolgreich Bücher – in allem unterstützt von ihrem zweiten Ehemann Carlos Springer. Reisen mit ihren Stücken und Programmen führen die vielfach hoch ausgezeichnete Künstlerin in die Länder des damaligen Ostblocks und nach Israel.
Im Sommer 2013 erhält Küppers eine erschütternde Diagnose: Darmkrebs. Kurz darauf erkrankt ihr Mann an Blasenkrebs und stirbt daran. Küppers hat Glück: ihr Krebs, den sie “Ungustl” nennt, verschwindet. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben. Im Gespräch mit Renata Schmidtkunz lässt sie ihr Leben Revue passieren und spricht über ihren größten Feind, den “Ungustl”.

Von Viehhändlern, koscherer Küche und Ehevermittlung
3sat, 06.07.2015, 13:15

Dokumentation, CH 2014
Kathrin Winzenried auf jüdischen Spuren im Aargau
Bis vor 150 Jahren durften Schweizer Juden nur in zwei Aargauer Dörfern leben. In Endingen und Lengnau führten sie ein ärmliches Leben als Händler und Hausierer. Beide Dorfbilder werden von einer Synagoge geprägt, ein verwunschener Friedhof liegt am Weg zwischen Endingen und Lengnau, und immer noch zeugen Wohnhäuser mit doppelter Eingangstür von der speziellen Cohabitation. Die Wurzeln der meisten Schweizer Juden reichen nach Endingen und Lengnau zurück. Wie zum Beispiel die Familie Guggenheim, die in Amerika als Industrielle zu Reichtum und als Mäzene zu Anerkennung kam. Auf eine Spende dieser wohl berühmtesten Surbtaler Familie geht auch die Gründung des Schweizerischen Israelitischen Alters- und Pflegeheims “Margoa” in Lengnau zurück. Weitere bekannte jüdische Bürger dieser Gemeinden sind der Schriftsteller Charles Lewinsky und die alt Bundesrätin Ruth Dreifuss. In der Alten Eidgenossenschaft, endgültig ab 1776, durften sich Juden nur in den beiden Dörfern in der damaligen Grafschaft Baden niederlassen. Gemäß einer Bestimmung mussten Juden und Christen “abgesondert und nicht beieinander wohnen”, doch dem halfen sie ab, indem sie gemeinsame Wohnhäuser jeweils mit zwei identischen, nebeneinanderliegenden Eingängen versahen. Erst 1866 erlangten sie die Freizügigkeit, und die meisten von ihnen wanderten in den folgenden Jahrzehnten ab. Kathrin Winzenried macht sich auf Spurensuche und trifft dabei zum Beispiel den 99-jährigen Max Wyler, der 1915 im Surbtal zur Welt kam und bis heute als Viehhändler tätig ist. Sie unterhält sich auch mit Roy Oppenheim, einem Einwohner Lengnaus, der nicht nur einen jüdischen Kulturweg initiiert hat, sondern sich stark dafür engagiert, dass die Geschichte des Schweizer Judentums lebendig bleibt.

Der Garten der Finzi Contini
3sat, 13.07.2015, 02:15

Drama, Kriegsfilm, I/D 1970
Italien, 1938: Unter dem faschistischen Mussolini-Regime nehmen die Restriktionen gegen Juden immer weiter zu. Für junge Juden wird der Garten der wohlhabenden Finzi-Contini zum Treffpunkt. Unter den jungen Leuten, die sich während des Sommers in dem inoffiziellen Tennisclub im norditalienischen Ferrara treffen, ist auch der Jude Giorgio, der schon seit seiner Kindheit in Micòl, die Tochter der Finzi-Continis, verliebt ist. Auch Micòl scheint eine besondere Zuneigung zu Giorgio zu empfinden, der ihrem kranken Bruder Alberto so verblüffend ähnelt. Dennoch begegnet sie Giorgio mit einem seltsamen Wechsel aus Nähe, Verbundenheit und Distanz. Als sie für eine Weile nach Venedig reist, setzt Giorgio im Haus ihrer Eltern seine Studien fort, da es Juden nicht mehr gestattet ist, die Universitätsbibliothek zu betreten. Nachdem Micòl bei ihrer Rückkehr erklärt, ihn nicht mehr sehen zu wollen, geht Giorgio nach Frankreich, wo sein Bruder studiert. Hier erfährt er zum ersten Mal von den Konzentrationslagern und der Gewalt gegen Juden in Deutschland.

Hannah Arendt
WDR Fernsehen, 18.07.2015, 21:45

D/F/LUX/ISR 2012
Als Hannah Arendt 1961 in Jerusalem den Gerichtssaal betritt, um für den renommierten The New Yorker über den Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann zu berichten, erwartet sie, auf ein Monster zu treffen. Stattdessen erlebt sie einen Niemand. Die geistlose Mittelmäßigkeit Eichmanns passt nicht zum abgrundtief Bösen seiner Taten. Dieser Widerspruch beschäftigt Hannah Arendt sehr. Zurück in New York liest sie hunderte Prozessakten, recherchiert, diskutiert mit ihrem Mann Heinrich Blücher und ihren Freunden. Ab Februar 1963 erscheint unter dem Titel “Eichmann in Jerusalem” ihre Artikelserie im The New Yorker. Mit ihrer These von der “Banalität des Bösen” schockiert Arendt die Welt. Die Reaktionen sind verheerend und niederschmetternd. Hannah Arendt wird geächtet, angefeindet, verliert enge Freunde. Das Unverständnis einiger ihrer Freunde trifft sie hart, weniger die Hetzkampagnen, die zahlreiche Medien entfachen. Dennoch bleibt sie konsequent bei ihrer Haltung, sie kämpft und scheut keine Auseinandersetzung, wenn es um für sie so wichtige Themen wie Totalitarismus und Macht geht. Denn sie will verstehen. Auch wenn das bedeutet, “dahin zu denken, wo es weh tut”. Margarethe von Trotta gelingt eine faszinierende Annäherung an das Hauptwerk der jüdischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt. Die sensible Filmbiografie mit der großartigen Barbara Sukowa in der Titelrolle verdeutlicht, warum die Frage nach dem Holocaust immer wieder neu gestellt werden muss.